2017-05-02

Gedichte von Carl Siebel: Abend und Morgen (2)



Abend und Morgen

Rosenknosp' und Myrthenblüthe
Welken, sanken trübe hin.
Leis durch Mütterleins Gemüthe
Stille Winterträume ziehn.
Silbern ward die braune Locke
Und das dunkle Auge schwach!
Horch! des Lebens Sabbathglocke:
Morgen ist es Ruhtag!

An die Alte schmiegt sich innig
Sanft ihr jüngstes Töchterlein.
Blickt empor, blickt still und sinnig
In das Mutteraug' hinein.
Rosenknosp' und Myrthenblüthe
Sie erschließen sich gemach:
Leise Dämmert im Gemüthe
Erster Liebe Frühlingstag.

Und die Alte beugt sich nieder,
Küßt des schönen Kindes Aug',
Fühlet sich umfächelt wieder
Wie vom ersten Frühlingshauch.
Fühlt die Wonne dieses Lebens,
Sieht sich wieder auferstehn.
Spricht: „Ich lebte nicht vergebens,
Ich kann ruhig sterben gehn!“

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