01.05.2017

Gedichte von F.M.Wendt: Der verlorene Sohn (2)



Der verlorene Sohn

Dort an den Felsentrümmern,
Von Dornen wild umrankt,
Ein sterbensmüder Wand'rer
Kraftlos vorüber wankt.
Des Angesichtes Blässe,
Das Siechthum der Gestalt,
Sie zeugen von der Sünde
Zerstörender Gewalt.

Der Jüngling ringt die Hände
Und ruft voll Reuequal:
„Ich grüßt mit tausend Schmerzen
Dich, Liebes Heimatthal!
Wie reich und freudetrunken
Zog ich von dir hinaus!
Und jetzt?-Als nied'rer Bettler
Klopf ich ans Vaterhaus.“

Wie nun dem Meierhofe
Der Arme naht verzagt,
Sieh', da eilt ihm entgegen
Ein Greis, schon hochbetagt.
„Mein Sohn! kehrst du mir wieder?“
So jubelt er voll Lust;
Doch auf die Knie sinkt jener
Und schluchzet schuldbewußt:

„Vor dir und vor dem Himmel
Hab' ich gesündigt schwer!
Dein Sohn zu heißen fürder,
Bin ich nicht würdig mehr;
Doch woll' mich nicht verstoßen,
Gewähre Gnad' statt Recht!-
Ich will ja gern dir dienen
Als dein geringster Knecht!“

Allein ans Herz der Vater
Entzückt den Jüngling presst
Und ruft frohlockend: „Ordnet
Ein herrlich Freudenfest!
Ermesset meine Wonne,
O theilt mit mir mein Glück:
Den Sohn, der schon verloren,

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