2017-05-22

Gedichte von Friederike Kempner: Der Sinn der Ferne (12)



Der Sinn der Ferne

Erd' und Himmel rollen in einander,
Nur ein einzig Sternlein blinket noch,
Wie ein blaues Aug' im dunklen Wetter
Strahlt es an dem Himmelszelte hoch.

Jenes Sternlein birget ferne Welten,
Und Dein Blick, er trägt Dich sonnenweit:
Wer rief jenen Stern und jenen Sinn der Ferne
In das Leben unsrer Wirklichkeit?

Mast und Segel schwimmen auf dem Meere,
Wer schafft dieses Ungewitters Sturm?
Und die Schlange in den schwarzen Wolken,
Und den kleinen roten Totenwurm?

Menschheit unter Würmern, steh' mir Rede,
Armes undankbar – verwöhntes Kind.
Trägt der Zufall meilenweit die Blicke,
Ist's nur Zufall, daß wir sterblich sind?

Unser Jammer bürgt für Ewigkeiten –
Und das offne, nimmersatte Grab!
Doch ein Gott erschuf den Sinn der Ferne,
Und wir sinken drum getrost hinab. –

Tausend Mücken tanzen in der Sonne,
Tausend Sonnen in des Himmelsraum,
Bürgt für Wirklichkeit nicht das Gescheh'ne?
Ist die Größe klein genug zum Traum?

O selbst Traumgebilde, sie sind Wahrheit,
Träumerisch nur von uns zusamm'gestellt –
Was nie war, wird von uns nicht geschaffen –
Aus dem Nichts schuf Gott nur eine Welt! –

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