2017-05-20

Gedichte von Wilhelm Waiblinger: Ave Maria (2)



Ave Maria

Untersank, o Roma, die Sonne deinen
Siebenhügeln. Langsam erscheint die Nacht schon,
Und ein Tag verschwindet von deinem Leben,
Ave Maria! 

Deinem Leben! welch′ ein Gedank′, o Roma,
Aufbewahrt im Buche der Ewigkeit ruht
Jeder deiner Tag′, und die Weltgeschichte
Deine nur ist sie! 

Also, Allumarmende, streckt der Vater
Seine Arm′, Okeanos um die Erde,
Ihnen sinkt die scheidende Sonn′ entgegen,
Ave Maria. 

Welch ein Ernst! wie wandelt die Nacht, die alte,
Deines Schicksals Geist zu vergleichen, aus des
Colosseums schreckhaft geborstnem Sarge
Dämmernd hervor schon! 

Hell entstrahlt, gebadet im frischen Nachtblau
Jovis Stern dem Himmel, mit Wehmuth blickt er
Seine Tempeltrümmer am Capitol an,
Ave Maria. 

Halb im Mondschein, halb in der Dämmerung schon
Graut der Stiere säulenbedecktes Schuttfeld,
Und im Zwielicht wandelt noch eines Mönches
Einsamer Schatten. 

Und von hundert Kirchen zumal ertönet
Fern und nahes Glockengeläut dem Tage
Schwermuthsvoll und feierlich noch sein Grablied,
Ave Maria. 

Dumpf antwortend folgt ein gewalt′ger Nachhall
In der Seel′, ein betend Gefühl, als klängen
Eben drei Jahrtausenden dieser Roma
Glocken zu Grabe. 

Und man denkt der Stunde, da vors Gericht sie
Treten, wenn der ewigen Stadt und mit ihr
Auch der Welt zum letztenmal schaurig tönet:
Ave Maria.

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