20.05.2017

Gedichte von Wilhelm Waiblinger: Der Liebe Schmerz (4)



Der Liebe Schmerz

 Liebe Seele, werd ich Brust an Brust
 wieder in unnennbarem Entzücken
 dir der Herzensfülle Wonn' und Lust,
 dir den Himmel aus dem Auge blicken,
 wieder Mund an Mund,
 meine Lippen auf den deinen,
 Kuß auf Kuß, mich zu der Liebe Bund,
 zu der Liebe Glück mit dir vereinen?

 Auf den Hügeln steh' ich oft allein,
 schaue nach den Bergen oft hinüber,
 ach! und dann verlangt mich dort zu seyn,
 und es wird in meiner Seele trüber,
 und mein Auge thaut,
 o! wie wein' ich dann so gerne,
 weine wie ein Kind so laut
 trostlos in die liebe, blaue Ferne.

 Und ich sehe, wie die Wolken zieh'n,
 immer wechseln sie Gestalt und Stelle,
 ach! auch meine Ruh' ist so dahin
 und du rinnest ewig, Thränenquelle,
 rein, wie Luft und Licht,
 Mädchen ist mein glühend Sehnen,
 doch die Thräne löscht die Flamme nicht,
 und die Flamme trocknen nicht die Thränen.

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