20.05.2017

Gedichte von Wilhelm Waiblinger: Der Tiber (5)



Der Tiber

O Lethe, dessen Strome der alten Kraft
 Und Weltherrschaft Vergessenheit Rom entschlürft,
 Roms Schatte nur, wie oft den Fluthen,
 Da ihn die Mitwelt begrub, ersteht er

 Gleich einem Geist der Schicksalsgedanke mir,
 Ob von der Brücke, wo mir der Insel Bild
 Mit Kirch' und Kloster und der Vesta
 Säulenrotunde, wo der Cäsare

 Den Palatin umstarrende Trümmer mir
 Erscheinen, oder ob in der Wildnis du
 Der schweigenden Campagna nur mit
 Thürmen der Vorwelt am sand'gen Strande

 Begegnest: immer athmet Melancholie
 Dein träger Strom, kaum wälzet das Mühlrad sich
 Und kaum das Doppelnetz den Wellen,
 Während auf Trümmern von Kokles Brücke

 Umsonst der Fischer laurend ins Wasser schaut;
 Kein lust'ger Nachen gleitet die Ufer hin,
 Nur selten seh' ich schweren Ganges
 Schweben vom Strand in des Abends Schatten

 Ein schwarzes Boot, als führte des Acherons
 Fährmann Roms große Todten zur Ruh. Auch selbst
 Des Himmels Lieblichkeit, du spiegelst
 Nie sie zurück; denn es trübt der Schlamm dich,

 Wie des Tyrannen Seele der Friede nie
 Durchleuchtet, sondern ewig des Scepters Schuld,
 Des Thrones Greul, der Völker Jammer
 Und des vergossenen Blutes Anblick

 Umdüstert. Dann nur röthet dich Purpurlicht,
 Wenn aus des Kaisers Grabe des Aetnas Gluth
 In tausend Blitzen steigt. Da, dünkt dir,
 Hadrians Asche sie schlummr' allein nicht,

 Es schlummr' im Mausoleum die Menschheit selbst,
 Die er beherrscht', und nun aus geborstnem Grab
 Urplötzlich stünde sie empor mit
 Flammen und Donner des Weltgerichtes.

 O Rom, wie sankst du, wenn auch vom Quirinal
 Des Priesters stolz dreifaltige Krone blitzt,
 Dennoch wie sankst du! Dich beglückt er
 Noch mit der heiligen Pracht des Schauspiels!

 Gewaltig steigt Palast, Obelisk empor,
 Und Kirch' und Tempel, Säul' und des Springquells Glanz,
 Noch ziert's dich, und auf Marmorböden
 Winselt der Bettler, auf Tempelstücken.

 Am Platz, wo Brutus Söhne vom Vaterspruch
 Gerichtet starben, da es gebot, das Volk,
 Und groß an Tugenden und Greueln
 Selbst die Gesetze sich gab und oftmals

 Mit Bürgerblut sie schrieb in den ew'gen Stein,
 Aechzt nun der Krüppel, nach dem Bepurpurten
 Die Hand ausstreckend, der mit stolzem
 Rossegespann und Gefolg' erscheinet.

 Noch traur'ger darbt die Armuth im Gramgemach,
 Wo nichts mehr blüht als Seufzer, vielleicht ein Stück
 Errungnen Brods; doch fühl' ihr Herz sich
 Glücklich, denn prachtvoll von Deck' und Wölbung

 Glänzt Gold in hundert Tempeln, vom Throne giebt
 In Goldgewändern schimmernd Sankt Petri Fürst
 Den Segen, und Roms größte Kuppel
 Leuchtet in Flammen als Krone Petri.

 Doch leichten Sinn und fröhlichen gab Natur
 Roms Volk, genähret einst an der Wölfin Brust,
 Im Blut des Feindes und dem eignen
 Wüthend und Kön'ge zu sehn in Ketten

 Gewöhnt, von Cäsarn und von Tyrannen selbst
 Geschmeichelt und gefürchtet vergaß es nun
 Der alten Männer mit den Göttern,
 Denen sie opferten, kämpften, siegten.

 Statt Schlachtgesang ertönet das Tamburin
 Zum Herbsttanz, zärtlich klingt in der Sommernacht
 Dem Liebchen Lied und Mandoline;
 Und der Triumphzug des Imperators,

 Der Mönche Schwarm wich er; und dem Pulcinell
 Des Colosseums blutiges Römerspiel ...
 O Tiber, gönn' in deiner Nähe
 Bald mir ein Grab an der Pyramide!

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