2017-05-20

Gedichte von Wilhelm Waiblinger: Die Töne (6)


Die Töne

Freundinnen der flüchtigen Horen seid ihr
 Töne doch vor allen, geheim im Bunde
 Steht ihr, und das Schönste, die Seele nach dem
 Traurigen Tode

 Lassen jene Genien zurück in eurer
 Sanften unvergänglichen Macht und Schöne,
 Ja ihr weckt sie immer zu neuem Leben
 Selbst aus dem Grab' auf.

 Meine Kindheit schließt mir im Flötenklange
 Ihre Rosenwelt und den tiefen Kelch auf,
 Dessen Duft einst, wie der Gedank' im Herzen,
 Lange geschlummert.

 Wie vermöcht' ich jenen Gesang, die Stimme
 Ihrer heißen Sehnsucht, der ersten Liebe
 Klagelaut, und all' das unsäglich Zarte
 Noch zu ertragen,

 Wenn's einmal in rauschenden Melodien
 Freudejauchzend, ach aus so ganz verlornen
 Blumentagen, jubelnd zurück ins Herz kehrt,
 Wo es gestorben.

 Das, o Töne, wie ich auch oft es fühle,
 Das ertrüg' ich nicht. Denn der Freud' und Jugend
 Schwand mir so viel, daß die Erinn'rung nicht, nur
 Lethe mich tröstet.

 Eines aber lieb' ich, wenn meiner Leiden
 Und Verluste schmerzlicher Seufzerlaut und
 All' mein Weh, gleich Aeolus Lüften, leise
 Mir in des Herzens

 Düstre tiefzerfallne Ruine spielet:
 Denn mir ist, als kämen die Geister meiner
 Lieben schon von Jenseits zurück in solchen
 Sel'gen Accorden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de