20.05.2017

Gedichte von Wilhelm Waiblinger: Verlangen nach der Ferne (8)



Verlangen nach der Ferne

 Ueber Berge möcht' ich hin,
 über alle Berge fliehen!
 Armes Herz! wo willst du hin?
 Willst du vor dir selber fliehen?

 Aber kann ich denn die Regung
 bändigen des wunden Herzens,
 und die lärmende Bewegung
 meines namenlosen Schmerzens?

 Quille nur du Thränenquelle,
 rastlos, wie die wilde Welle,
 unaufhaltsam fortgeschoben,
 Grund und Wiese kehrt nach oben.
 Eh die Seufzer mir verklingen,
 mußt du treues Herz zerspringen!

 Siehst du dort der Landschaft Bildniß,
 wie's im schmalbefaßten Rahmen
 luftigdämmernd Blau umwebet:
 Soll ich es für mich benamen,
 eine menschenleer Wildniß
 sind mir alle jene Weiten,
 mannigfach und reich belebet;
 ach der Kindheit Rosenzeiten!

 Wie sich dort ein bunt' Gedränge
 brausend durch einander schiebet,
 ach! in jener lauten Menge,
 find' ich niemand, der mich liebet.

 Mancher geht an mir vorüber,
 doch er läßt mich meinem Schmerz,
 bänger wird mir nur darüber,
 bänger mir das arme Herz.

 Ueber Berge laßt mich hin,
 über alle Berge ziehen!
 Armes Herz! wo willst du hin?
 Kannst du vor dir selber fliehen?

Ende



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