2017-05-13

H.Löns: Junglaub- Heimatsklänge (51)





 Heimatsklänge

Drei Klänge sind's vom Heimatsland,
Die ich schon lang nicht mehr gehört,
Manch trübe Stunde schon entschwand,
In der ich schmerzlich sie entbehrt;
Drei Klänge, süß wie Liebeslaut,
Wie schüchtern Wort aus Kindermund –
Bald wieder, wie zur nächt'gen Stund,
Das Wutgeheul der Sturmesbraut:
Du Rauschen in dem dunklen Föhr,
Du Wellenklang vom grünen See,
Du Lied aus Volksmund, wild und weh –
Wer weiß, ob ich euch nochmals hör!

O Rauschen von dem Kiefernwald,
Ich hab' dich stets so lieb gehabt,
Wie hat's mein wildes Herz gelabt,
Wenn des Piroles Flöten schallt,
Wenn ringsumher die Biene summt,
Sonst alles Leben ist verstummt –
Und andersmal beim Mondenschein,
Bei Nachtwinds grellen Melodein,
Wenn's in den Kronen ächzt und kracht
Und durchs Geäst der Waldkauz lacht,
O Rauschen von dem dunklen Föhr,
Wer weiß, ob ich dich nochmals hör!

O Wellenplaudern im Geröhr,
Und Wogenklatschen an dem Strand!
Wer euch gehört, den läßt's nicht mehr,
Es hält für immer ihn gebannt.
O traumhaft leises Abendlied,
Wie's murmelnd durch das Röhricht zieht,
Du liebes Lied der dunklen Flut,
Beglänzt von Abendsonnenglut –
Noch schöner, wenn die Möwe gellt
Und weiter Gischt am Strand zerschellt –
O Wellenrauschen, leis und schwer,
Wer weiß, ob ich dich nochmals hör!

O Heimatslied aus Volkesmund,
So schneidighell wie Schwerterklang,
So kühn, wie's je in heißer Stund'
Aus starken Männerkehlen drang;
Bald zarter Liebe Leid und Lust,
Der eignen Schönheit unbewußt,
Bald dämmrigschauernd Ammenlied,
So gleichbewegt wie Glockenton,
Vom Abglanz alter Zeit durchglüht,
Vom Volke fast vergessen schon –
Ihr Lieder, wild und wehmutsschwer,
Wer weiß, ob ich euch nochmals hör!

Nach Osten zieht's mich mächtig hin,
»Nach Hause« klingt's in meinem Sinn:
Drei Klänge sind's vom Heimatsland,
Die haben mir das Herz entwandt;
Es ist schon lange nicht mehr mein,
Es findet nur zu Hause Ruh:
»Nur einmal in der Heimat sein!«
Das klopft und klopft es immerzu.
Du Wellenklang vom grünen See,
Du Lied aus Volksmund, wild und weh,
Du Rauschen von dem dunklen Föhr –
Wer weiß, ob ich dich nochmals hör!

1886. Im September zu Münster

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