2017-05-19

H.Löns: Junglaub- Zigeunerlied (110)




 Zigeunerlied

Die Lisa eine Hexe war,
Das wußten alle Leute,
Als Kätzchen ging sie gestern um,
Als Käuzchen flog sie heute.

Doch endlich hat man sie gefaßt
Im Wald beim Wurzelsuchen
Und schleppte sie zum Galgenberg
Trotz Wehgeheul und Fluchen.

Doch als sie auf dem Holzstoß war,
Da sprach sie zu mir leise:
»Hol' mir die alte Fiedel her,
Zu spielen letzte Weise.«

Als ich ihr dann die Geige gab,
Begann ein schrilles Tönen,
Und Klänge wild, gespensterhaft
Entlockte sie den Sehnen.

Daß alles Volk im Kreise rings
Verfiel dem Zauberreigen,
Und immer toller noch begann
Die Alte da zu geigen.

Bis lang und kurz und jung und alt
Vor wildem Taumel trunken –
Da warf sie mir die Fiedel hin,
Verschwand als wie versunken.

Als ich das alte Geigenholz
Nun an mich hatt' genommen,
Hat eine wilde Wanderlust
Mich stürmisch überkommen.

Wohl durch das ganze Ungarland
Begann ich froh zu wandern,
Von Agram bis nach Debrezcin
Von einem Nest zum andern.

Wo immer meine Fiedel klingt,
Muß Schmerz und Trauer schwinden,
Sie fliehn vor meinem Zauberspiel,
Wie Flugsand vor den Winden.

     Drei Saiten hat die Fiedel nur,
Die halten wohl noch lange,
Und jeden fasset wilde Lust
Bei ihrem tollen Klange.

Doch wenn die letzte Sehne reißt,
Muß sich mein Wandern enden,
Dann ruh ich unterm Rasen aus,
Die Fiedel in den Händen.

Münster 1886

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