09.05.2017

Samuel Gotthold Lange: Damons Empfindung, als er nach Thirsis Tode, Heiligenthal besuchte, wo Thirsis sich aufgehalten (9)




Damons Empfindung, als er nach Thirsis Tode, Heiligenthal
besuchte, wo Thirsis sich aufgehalten

Ich seh, ich seh euch selge Hütten,
Dich angenehmes Heilgenthal,
Ich grüß euch Gründe und ihr Berge,
Ich grüsse dich beliebter Ort,
Den ich zur Wallfart mir geweihet,
Dich grüß ich, doch mit heissen Thränen,
Die mir die Liebe ausgepreßt,
Und die kein Zeitlauf hemmen kan.

Hier find ich dich, du steiler Hügel,
Der meinem Freund ein Lustgang war
Wo seine nimmer müden Schritte
Bey Sturm und rauhem Kieß und Sand,
In dem er mir entgegen sahe
Den neuen Fußsteig sich gebahnet,
Wo er, voll sehnlicher Begier,
Oft Stunden lang nach mir gesehn.

Dort unten rauscht in grüner Dämmrung
Der kleine lautre Schmerlenbach,
Dis ist das Thal, das er verschmähet,
So reitzend es ihn auch gelockt,
Wenn er, um mich in weiter Ferne
Von diesen Bergen zu entdecken,
Nicht Wind und rauhe Luft gescheut
Und durch der Stürme Strudel brach.

Nun grüß ich dich beglückte Wohnung,
Die meinen Thirsis in sich schloß:
Hier war es, da er mich umarmte,
Hier drückt er mich an seine Brust
Wie feurig küßt er im Umarmen?
O, wie ergötzt ihn nicht die Ankunft
Des Freundes, der in seiner Huld
Ein wahres Glück gesucht, und fand.

Itzt segn' ich dich du Stub und Kammer
Wo Thirsis saß und wo er schlief,
Ihr, vormals Sitze keuscher Musen
Ihr, nunmehr nichts als Wüsteney!
Hier ist der Ort, wo er gedichtet;
Hier sang er mich und meine Doris;
Hier weint er, als ich wieder gieng
Und er um meine Brust sich hing.

Wie lieb ich euch ihr stillen Wände,
Die ihr sein Lied sehr oft gehört!
Dich lieb ich auch du edle Jugend,
Die Thirsis tugendhaft geführt:
Mich rühren deine zarten Triebe,
Und deine Thränen, die du weintest,
Als Thirsis, der dich treu geliebt
Dich, doch gezwungen nur verließ.

Nun reiß ich mich aus diesen Mauren,
Doch nein, hier setz ich mich erst hin.
Hier hat mein Thirsis stets gesessen,
Und diesen Sitz so hoch geweiht.
Jedoch, hier ist mir alles öde;
Denn Thirsis fehlt, drum will ich gehen,
Was hast du, Dorf, das wohlgefällt?
Nichts, als daß Thirsis hier gewohnt.

Und dadurch hat er dich geheiligt.
Drum mach ich dich der Welt bekannt,
Der Wanderer soll künftig sprechen,
Dis ist der Ort, wo Thirsis war.
Wahlfartend will ich dich besuchen,
Und jährlich an dem Tage weinen,
An dem ich vormals mich ergötzt,
Wenn ich hier meinen Thirsis sah.

Nun geh ich weg. Und du begleitest,
Auch mich, du holde Sängerin;
Du unverzärtelt muntre Lerche:
Die du gantz frostig und bereift
Den Freund mit halben Trost erfüllet,
So oft er mir entgegen eilte
Und denn, daß ich nicht kam beklagt,
Und trostlos wieder rückwerts gieng.

Doch nein, du schweigst. Ich kans nicht tadeln,
Die gantze Gegend schweigt mit dir:
Die Gegend, die sonst wieder schalte,
Wenn Thirsis spielte, wenn er sang.
Ja schweigt und trauret, Berg und Thäler!
Seyd stumm, ihr sonst so lauten Hügel,
Und schweig auch, ekler Wiederschal,
Denn Thirsis reitzet dich nicht mehr.

Doch, Echo, weine, wenn ich weine,
Mir zärtlich und gebrochen nach,
Vielleicht macht mich die Lieb und Sehnsucht
In meinem Tode dir einst gleich.
Denn wiederhol ich Thirsis Liebe:
Denn wiederhol ich meine Freundschaft.
So lang ich lebend singen kan,

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