2017-05-09

Samuel Gotthold Lange: Doris Andencken an den seligen Thirsis (8)




Doris Andencken an den seligen Thirsis

Komm, Freundschaft, komm, beschaue die Gegend
Sieh hin, wo sonsten Thirsis gesessen
Sag, ob du nicht die Spuren gefunden,
Der redlichsten Treu.

Du wirst daselbst die Thränen noch finden,
Die einst sein Damon häufig vergossen
Die nicht den strengen Pluto erweichten.
Sie liegen noch da.

Der strengste Frost der rauhesten Winde
Der Fluß und Meer mit Eise beharnischt,
Und der das Land mit Flocken bedecket,
Wagt sich nicht an sie.

Der dürre Staub trägt scheu sie zu decken.
Die Hitze des vertrocknenden Mittags
Die Luft, davon der Pilgrim ermüdet,
Berzehret sie nicht.

Bleibt ewig, bleibt, geheiligste Thränen
Euch sehn die späten Zeiten verwundernd
Und klagen, daß die seltenste Tugend
Ein Grabmal verhüllt.

Doch nein, die Tugend kan nicht verstäuben.
Wenn gleich der Leib im finstern vermodert,
Und die anständgen Minen verschwinden,
So lebet sie doch.

Du lebst mit ihr, du redlicher Thirsis,
Und die aus Neid sich kränckenden Feinde
Sehn dies und kehren schamroth den Rücken,
Um dich nicht zu sehn.

Denn dich entreißt vom Schicksaal des Pöbels
Die Freundschaft und die göttliche Dichtkunst.
Sie tragen dich auf flüchtigen Schwingen

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