2017-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 26.11.1825 (484)



An Goethe 26.11.1825

Sonnabend, den 26. November 1825. 

Gestern früh ist unsere Singakademie mit dem schönsten Kranze geschmückt worden, den Rosenfinger und seidene Hände je bereitet haben. Ein Zug von nahe an hundert Maurer- und Zimmerleuten hat ihn aus meinem Hause abgeführt durch den Lustgarten, vor des Königs Palais vorbei bis an den Ort seiner Bestimmung. Beim Auffahren desselben ertönte das Lied: »Gott segne den König«, und vom Erker herab erfolgte eine erbauliche Zimmermannspredigt.

Das anfolgende Blatt magst Du Dir gefallen lassen, indem es nicht ganz richtig ist, wiewohl im ganzen es eine Vorstellung gibt von der Lage des Gebäudes gegen seine Umgebung. Die sachschwere Wolke von oben soll verziehen werden, wenn die leichtere darunter aus Opfergerüchen besteht, ein heranziehendes Ungewitter sanft zu zerteilen.

Soeben kommt die Zeitung, woraus Du ein mehreres ersehn magst. Bemerken will nur noch, daß die Hauptfronte genau gegen Mittag, parallel mit der Lindenallee, zwischen dem Zeughause und dem Universitätsgebäude liegt. Das Palais des Königs, gegenüber nach Mitternacht, ist etwa 300 [Fuß] davon ab, so daß der König aus einigen seiner Fenster unser ganzes Territorium sehn kann. Unsere Türen sind 7 Fuß breit und die Pilaster 2 Ellen breit, wonach Du ungefähr die Dimension des Ganzen abnehmen magst.

Daß meine Wohnung die ganze Woche hindurch wie ein Taubenhaus gewesen ist, den Kranz zu zieren und zu sehn, wirst Du Dir denken; er war auch von Blumen, Bändern und Tüchern so schwer worden, daß vier Männer vollauf daran zu tragen gehabt haben. Besoffen war leider nur Ein Einziger, und heut ärgert’s mich, daß ich selbst nicht dieser Einzige gewesen bin. So viel Mühe und Qual verdiente wohl ein Opfer; doch kann das Beste noch immer geschehen, wenn die Rechnung gemacht wird. Bis jetzt sind gegen 26 000 rh. für Steine und Holz ausgegeben, und wir haben nur noch 8000 rh. an Aktien übrig. Nun haben wir außerdem 10 000 rh. aus den Beiträgen seit 25 Jahren zurückegelegt, die uns denn noch zugut kommen.

Was unterhalte ich Dich doch mit diesen Dingen? Für andere habe ich gesammelt, und sie konnten’s nicht begreifen, was ich mit dem Gelde machen wollte. Wem aber soll ich’s denn sonst wohl sagen als dem, der mir sagt:

»Ins Wasser wirf deine Kuchen!
Wer weiß, wer sie genießt!«


Z.

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