30.07.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 15.01.1826 (494)



An Zelter 15.01.1826

Wenn ich gleich, mein Allerteuerster, in meinen alten Tagen mich nicht grade mit den Ellenbogen durchzufechten habe, so kannst Du Dir doch mit einiger Einbildungskraft schon vorstellen, daß ich, wenn Du mich auch nur als Lenker meines eigenen Fuhrwerks betrachtest, dieses Jahr her nicht viel dämmern, ruhen und säumen durfte; deshalb mir denn unterwegs Dein freundlich-aufmunterndes Wort sehr oft zugute gekommen, indem es mir anschaulich machte, daß andere anderes zu überwinden haben und daher ein jeder sich wacker halten und nach seiner Art und Stelle sich behaupten muß.

Ich kann mir in meiner fast absoluten Einsamkeit kaum vorstellen, daß solche Lust- und Lärmbilder an Dir vorübergehen, an denen Du mich aus Deinem Spiegel teil(nehmen) lässest. Mit »Macbeth« und »Euryanthen« geh’ es, durch Aufwand, parteiische Anregung und selbst durch Anerkennung des Trefflichen, wie es will; beide geben keine eigentlich erquickende Vorstellung, jener aus Überreichtum des Gehaltes, diese aus Armut und Magerkeit der Unterlage. Doch weiß ich freilich nicht mehr, was ein Theaterpublikum sei, oder ob es im Großen und im Kleinen sich befriedigen, vielleicht auch nur beschwichtigen lasse. Ein Abglanz davon erscheint mir jedoch dorther, da meine Kinder die Bühne nicht entbehren können, und das laß ich denn auch gut sein.

Die Rezensionen der Haude- und Spenerischen Zeitung mag ich gerne lesen; wie man denn überhaupt, wenn man auch nur selten in die Tagesblätter hineinsieht, manches ganz Vernünftige trifft, woraus eine allgemeine gute Richtung, eine redliche Kennung und Anerkennung sich hoffen läßt.

Ich bin persönlich das Widerbellen durch viele Jahre gewohnt worden und spreche aus Erfahrung: wir haben noch lange nicht zu fürchten, daß wir überstimmt werden, wenn man uns auch widerspricht. Nur keine Ungeduld! immer fortgehandelt und mitunter gesprochen! so findet sich am Ende noch eine genügsame Zahl, die sich für unsere Art zu denken erklärt. Niemanden aber wollen wir hindern, sich seinen eignen Kreis zu bilden; denn in unseres Vaters Hause ist Wohngelaß für manche Familie.

Angenehmes im Kunstfache ist mir widerfahren, daß ich eine schöne Zeichnung von Julius Roman und eine von Guercin erhielt. Zwei solche Männer unmittelbar vergleichen zu können, sich an jedem nach seiner Art zu ergötzen und zu belehren, ist für denjenigen vom größten Wert, der über Kunst und Kunstwerke auch wohl manchmal Worte macht, sie aber doch nur für notwendiges Übel hält. Könnte ich nur von Zeit zu Zeit an euren Gesängen teilnehmen, ich wollte versprechen, mir nie darüber auch nur eine Silbe zu erlauben.

Ein Heft suche zu lesen, etwa fünfzig Seiten stark; es ist überschrieben: »Zwei Balladen von Goethe, verglichen mit den griechischen Quellen, woraus sie geschöpft sind, von Direktor Struve. Königsberg 1826.« Indem der Verfasser euch an den Born führt, woher ich den Trank geholt, ist er freundlich genug zu beweisen, daß ich das erquickliche Naß in einem kunstreichen Gefäß dargereicht habe. Was der Dichter vor so vielen Jahren wollte, wird doch endlich anerkannt. Es ist von dem »Zauberlehrling« und der »Braut von Korinth« die Rede. Mein Folgendes soll sich unmittelbar anschließen: »Wer will, der muß!«

Und warum sollten wir nicht auch müssen:

angehörig sein und bleiben! 

Weimar, den 15. Januar 1826                  Goethe.

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