2017-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 12.12.1825 (489)



490. An Goethe

Montag, 12. Dezember 1825. 

Ohne Schmausen tun wir’s nicht; da findet sich noch eher Hülfe! Erst gestern also ist unser Richtschmaus abgehalten, weil die Teilnehmer es durchaus auf meinen Geburtstag verschieben wollten. An Munterkeit hat’s nicht gefehlt, und nun ist auch das überstanden.

Unsre Poeten und Komponisten hatten sich zusammengenommen, und waren Gedichte und, versteht sich, alles gesungen.

Da aber die patriotischen Schlingel keinen Vers auf den König zu finden wissen, da hab’ ich mir selber welche zusamm(en)gesucht, worüber die Deutschdreher das Maul hin- und herwerfen und — was geht das mich an?

Der König soll gepriesen sein,
Der König lebe hoch!
Und wenn er’s auch nicht haben will,
Was gilt’s, ich preis ihn doch!
Und tun die Lieber Leid sich an,
Noch nie hat Liebe Leid getan:
Der König lebe hoch!

Der König soll mein Bruder sein,
Der König lebe hoch!
Ein König kann ein Bruder sein,
Ein König bleibt er doch!
Und tun auch Brüder Leid sich an, 
Noch nie hat Liebe Leid getan:
Der König lebe hoch!

Der König soll mein Vater sein,
Der König lebe hoch!
Ein König kann ein Vater sein,
Ein König bleibt er doch!
Der Vater sieht die Kinder an,
Das ganze Land nimmt teil daran: 
Der König lebe hoch!

Der König soll mein König sein, 
Wohlan, Er lebe hoch!
Und sieht er manchmal sauer drein, 
So ist er König doch!
Er ist mein König und mein Mann, 
So sing ich, was ich singen kann: 
Der König lebe hoch!

»Nun sage mir, Vater« — ist das nicht allerliebst? Und ist aus der Musik herausgewachsen wie das Kraut aus der Kartoffel, denn die Musik habe vorher gemacht und kommt denn doch wohl anders heraus als das einfältige »Heil Dir im Siegerkranz«, wobei ich immer seekrank bin.

Ein Hans A. hat gesagt: es sei doch kein Volkslied. — Was geht mich das Volk an, wenn ich nicht dabei bin! Und da fallen sie über her und haben mich zum besten; aber der eine sang Cis statt C, und ich habe ihm einen Puff wiedergegeben, daß er nun meine Poesie mag ungeschoren lassen.

»Lieber« (ironice, nach »Hasser« konstruiert) will niemand gelten lassen; der »Bruder« soll auch nicht passieren, und der »Sauer« will gar nicht rutschen — nun, so mögen sie ihn zuckern! Ich gebe die Dinge, wie sie Gott gibt.

Und mit ihren stolzen Worten und Phrasen, die wie vornehme Leute sich manchmal gar nicht gern wollen sprechen lassen, was meinen denn sie — als sich selber? Da soll man sagen: »Der Mann hat eine schöne Diktion, schöne Versifikation, Periodenbau« und dergleichen, und manchem mag dabei zumute sein als in der Kirche, wenn der Klingelbeutel kommt: man weiß schon, was er will und was man davon hat.

Donnerstag. Unsere beiden Höfe sind in tiefe Trauer versetzt, woran ich aufrichtigen Anteil nehme und niemand wissen kann, wie nahe solch ein Fall ihn und sein Haus berührt. Da man denn alles zu nehmen hat, wie es kommt, so wird mir nicht mehr bange — lange, lange

Dein Z.

Es ist doch kuriose, daß das »Lange, lange« auch bei euch so wie bei uns gesungen worden.

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