2017-07-31

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (502)



An Goethe Ohne Datum

Deine schöne Sendung vom 18. dieses erhielt ich Stillen Freitag, als ich mit den Anordnungen meiner Passionsmusik eben fertig und nur noch ohne Chaussure war, die mich (philosophisch gesprochen) zur Erscheinung bringen sollte.

Der erste Trost aus Deinem »Charon« war, daß unsere Fugenkunst noch lebt, und was wir bauen, nicht Zusammenstürzen wird. Freilich hätte ich ohne Deine Auslegung lange sinnen müssen, um die schönen Gegensätze (Kontrapunkte) klar vor mir zu haben, wie hier das Ernsthafteste mit unschuldigster Liebe zu leben im angenehmsten Konflikt steht. Und was Du ihm hineindichtest, wird ihm auch Freude machen so wie mir.

Ähnliches ist mir mit dem alten Haydn begegnet. In der Rezension der »Schöpfung« und zwar über die Ouvertüre, welche »Das Chaos« überschrieben ist, hatte ich angemerkt, daß ein solches Thema als Kunstaufgabe nicht zu gestatten sei, das Genie aber überall und so auch hier Unmögliches zur Bewundrung geleistet habe, und diesen Ausspruch mit Gründen belegt.

Der alte Haydn ließ mir darüber sagen, daß er das alles keinesweges vorher gedacht noch gesucht habe, doch stimme meine Auslegung mit seiner nun erst erkannten Imagination überein und sähe er sich genötigt, die von mir angegebenen Bilder anzuerkennen. Andere Beurteiler hatten die musikalischen Malereien im Werke schlechtweg verworfen, und nun war ich bei der Behörde gerechtfertigt.
Den 4. April. Vorstehendes liegt schon seit 8 Tagen vor mir, und sende ich es der Einlage wegen sogleich ab.

Wir erwarten euren gnomischen Virtuosen, der uns einmal wieder die Ohren reiben will, und ich vernehme ihn gern wieder, denn er ist allein, was seine ganze Brüderschaft zusammen, und wie Wolf zu sagen pflegte: Hirt sei zugleich der Ochs. Kriegen wir denn von der Ostermesse her wohl ein neues Heft von »Kunst und Altertum« oder sonst was?

Dein

auf heut und immer.

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