29.07.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 29.11.1825 (485)



An Zelter 29.11.1825

Dein Griepen — mag ein recht guter Kerl sein, aber ich weiß nicht mit ihm übereinzukommen; er hat sich von den Dingen unterrichtet, die er bespricht, aber teils denk’ ich sie anders, teils in einem anderen Zusammenhange.

Ich schlug das Buch auf und fand Seite 336 §10: »die gewöhnliche Einteilung in lyrische, didaktische, dramatische und epische Poesie«, und so weiter. Da schlug ich das Buch zu und diktierte, was die Beilage ausweiset, was Du denn für Dich behalten wirst. Und auf diese Weise würde es mir mit dem ganzen Bande gehen, da muß ich es eben liegen lassen. Deine Aphorismen dagegen habe ich mit Freuden auf-und angenommen. Du hast es, wovon Du sprichst, und so hat man es auch, indem man Dich hört; was Du hier gibst, versteht man, glaubt es zu verstehen und findet wenigstens ein Analogon in dem, was man gewiß verstehet.

Laß uns auf unserer Weise beharren, fühlen und gewahrwerden, denken und tun, alles übrige ist vom Übel. Die neuere Welt ist den Worten hingegeben, das mag sie denn so weiter treiben und haben.

Deine Büste ist zu allseitiger Freude angekommen, alles dankes wert, indem sie Dich, den Ersehnten, so nahe heranbringt; nur find’ ich, wie bei der meinigen auch, eine gewisse Übertreibung der Züge, die bei näherer Bekanntschaft nicht wohl tut.

So wie der Eindruck des Unglücks durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohltätigen Einflusses; nach und nach erhol’ ich mich vom siebenten November. Solchen Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleichzustellen, fühlt aber erst hinterher, daß eine dergleichen Anstrengung notwendig einen abgespannten Zustand zur Folge hat.

Versäume nicht, baldmöglichst die Folge meiner Briefe zu senden; die noch hier seienden gehen über die Hälfte von 1820. Auch dieses Geschäft wünscht’ ich vollendet zu sehen. Ich bin höchst überdrängt, zwar nicht von Sorgen, aber doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt in einem Grade steigern, daß es fast dasselbe wird.

Möge Dir alles gelingen! Dein neues Gebäude wird nun auch gekrönt sein; es werde das Gleiche mit allem, was Du so redlich heranführst. Und so lebe wohl und fahre fort, mein zu gedenken.

Weimar, den 26. November 1825. G.

Nachschrift.

So weit war ich gelangt, als die heitere Nachricht eintrifft, Dein Kranz sei nun auch erhöht und eine neue Epoche Deiner großen und schönen Anstalt angetreten. Möge der Eifer im nunmehr befestigten Lokal gleichbleiben dem, der euch auf bisherigen Wanderungen schmückte. Nächstens gelangen zu Dir noch manche Nachklänge unserer Feierlichkeiten, an die sich die Deine so wunderartig anschloß.

Alfred Nicolovius hat Dir ja wohl auch einiges mitgebracht, wenigstens ward ihm so manches aufgeladen, daß ich hoffen kann, du seist nicht vergessen.

Bis ich das Weitere vermelden kann, wünsche wohl und froh zu leben, auch bitte wiederholt um den Rest der Korrespondenz.

Abgesendet den 29. November 1825.

(Beilage)

Es ist nicht zulässig, daß man zu den drei Dichtarten: der lyrischen, epischen und dramatischen noch die didaktische hinzufüge. Dieses begreift jedermann, welcher bemerkt, daß jene drei ersten der Form nach unterschieden sind und also die letztere, die von dem Inhalt ihren Namen hat, nicht in derselben Reihe stehen kann.

Alle Poesie soll belehrend sein, aber unmerklich; sie soll den Menschen aufmerksam machen, wovon sich zu belehren wert wäre; er muß die Lehre selbst daraus ziehen, wie aus dem Leben.

Die didaktische oder schulmeisterliche Poesie ist und bleibt ein Mittelgeschöpf zwischen Poesie und Rhetorik; deshalb sie sich denn bald der einen, bald der ändern nähert, auch mehr oder weniger dichterischen Wert haben kann; aber es ist, so wie die beschreibende, die scheltende Poesie, immer eine Ab- und Nebenart, die in einer wahren Ästhetik zwischen Dicht- und Redekunst vorgetragen werden sollte.

Der eigene Wert der didaktischen Poesie, das heißt: eines rhythmisch, mit Schmuck von der Einbildungskraft entlehnt, lieblich oder energisch vorgetragenen Kunstwerkes, wird deshalb keineswegs verkümmert. Von gereimten Chroniken an, von den Denkverschen der ältern Pädagogen bis zu dem Besten, was man dahin zählen mag, möge alles gelten, nur in seiner Stellung und gebührenden Würde.

Dem näher Betrachtenden fällt sogleich auf, daß die didaktische Poesie um ihrer Popularität willen schätzbar ist; ja der begabteste Dichter sollte es sich zur Ehre rechnen, auch irgendein Kapitel des Wissenswerten also behandelt zu haben. Die Engländer haben sehr preiswürdige Arbeiten dieser Art; sie schmeicheln sich in Scherz und Ernst erst ein bei der Menge und bringen sodann in aufklärenden Noten
dasjenige zur Sprache, was man wissen muß, um das Gedicht verstehen zu können.

Und so forthin!

G.

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