2017-07-30

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 30.12.1825 (492)



An Zelter 30.12.1825

Du hast mir seit einiger Zeit, mein Teuerster, gar lebhafte Charakterzüge eurer Berliner Tagesweise mitgeteilt, daß ich doch endlich auch etwas von mir hören zu lassen schuldig zu sein glaube. Mir war es indessen wunderlich zumute. Eine notgedrungene Wirkung, sowohl gegen die Nähe als in die Ferne, hinderte mich, meinem Willen zu folgen, welchem nach ich Dich schon längst einmal wieder besucht hätte. Ihr Berliner jedoch seid mir die wunderlichsten Leute: ihr schmaust und trinkt und verzürnt euch untereinander, so daß Mord und Totschlag im Augenblick und tödlicher Haß in der Lebensfolge daraus entspringen müßte, wäre es nicht in eurer Art, das Widerwärtige auch stehen zu lassen, weil denn doch am Ende alles nebeneinander verharren kann, was sich nicht auf der Stelle aufspeist.

Dein sibyllinisches Blatt über »Macbeth« glaube nach meiner Weise recht gut auszulegen; ich dachte wenigstens dabei wie folgt.

Diese Bemühungen gehören zu denjenigen, welche König Saul der Hexe von Endor zumutete: die großen Toten hervorzurufen, wenn wir uns selbst nicht zu helfen wissen. Shakespeare ist noch widerborstiger als jener abgeschiedene Prophet, und wenn sie ihn gar in seiner Integrität hervorzaubern wollen, dann geht es am wenigsten. Ein solches Mickmack von Uraltem und Modernstem bleibt immer auffallend, wie Du es ganz richtig empfunden hast.

Was hilft alles Kostümieren! Genau besehen, sind denn doch am Ende Schauspieler und Kleider, Dekorationen und Gespenster, Musiker und Zuschauer untereinander nicht in Harmonie. Dies hat Dich bei einer so bedeutenden Exhibition zerrissen. Vielen ist es auch zuwider, ohne daß sie es gestehen; viele lassen es gut sein, weil es nicht anders ist; sie haben bezahlt und ihre Zeit hingesessen.

»Sieben Mädchen in Uniform« machen auch hier das Publikum glücklich; denn so etwas ist zeitgemäß. Das Soldatengespiele, zu einer halblüsternen Posse verwandt, läßt sich jedermann gefallen, wenn unter dem Druck eines Shakespearischen Alps das Publikum seufzt und sich sehnt aus einem schweren Traum des Ernstes in die freie Luft der Torheit.

Jetzt, da ich nicht mehr ins Theater gehe, sonst nichts damit verkehre, nur aber meine Kinder und sonstiges nachwachsendes Lebevolk zu beobachten habe, gehen mir ganz eigne Lichter auf. Immer nehmen sie Partei; bald seh’ ich sie in gerechten Urteilen klar und verständig, bald in Vorurteilen und Vorlieben ungerecht befangen, und was alles daraus folgt, wie es uns längst bekannt ist; aber ich begreife doch erst das Mißbehagen der Danaidenarbeit während so vieler Jahre, in welchen ich bemüht war, die wirklich großen, der Bühne verliehenen Vorzüge in Wirklichkeit zu setzen und zur Evidenz zu bingen. — In solche Betrachtungen haben mich Deine Hexen verhext; trage deshalb die Schuld eigner Veranlassung.

Als belebte Folge jener festlichen Tage ist mir, wie ich bekennen muß, manches Gute geworden; auch manches Gute zu tun gibt es Gelegenheit, da der aufgeregte und doch nicht flackernde Enthusiasmus einen jeden aus sich selbst ins Allgemeine trieb. Hiebei gelingt es denn auch, ein viele Jahre gewünschtes Gärtnerhaus an die Stelle des alten zu setzen, worin Du Dich auch einmal beholfen hast. Dies ging ganz einfach, die Gewerken gaben ihren Vorteil auf und ließen mit frohem Sinn die Anstalt genießen, was sie sonst für sich und die Ihrigen erworben hätten. Du weißt am besten, wie hoch dies anzuschlagen ist.

Und da nun von manchen klugen und tätigen Menschen dieser allgemeine gute Wille gestärkt und geleitet worden, so ist in dem kleinen Kreis sehr viel geschehen, weil alle Glieder, groß und klein, sich lebendig erwiesen. Und hieraus erwächst denn auch mir noch manche angenehme Beschäftigung, um das Begonnene und Eingeleitete durch- und ans Ziel zu führen.

Zu Ausfüllung des Raumes folgendes:

Eine große sorgfältige Zeichnung von Julius Roman mit vielen Figuren, zum größten Teil wohlerhalten, ist eine köstliche Akquisition, ohne Zweifel das Original, das Diana von Mantua in Kupfer gestochen hat: Christus vor der »schönen Türe« des Tempels, nach Rafaels Vorgang, mit gewundenen Säulen geschmückt. Er beruhigt warnend die neben ihm aufrecht stehende beschämte Ehebrecherin, indem er zugleich die pharisäischen Susannenbrüder durch ein treffendes Wort in die Flucht schlägt. Sie entfliehen so kunstgemäß tumultuarisch, so symmetrisch-verworren, daß es eine Lust ist. Sie stolpern über die Bettler, denen sonst ihre Heuchelei zugute kam und die für diesmal unbeschenkt auf den Stufen liegen. Der Federumriß ist von der größten Nettigkeit und Leichtigkeit und fügt sich dem vollkommensten Ausdruck. Das Kupfer findet sich gewiß in Berlin und ist nachzuweisen: Bartsch, »Peintre-Graveur«, Vol. XV, Seite 434, »Oeuvre de Diane Ghisi« No. 4., wo es für eine der schönsten und wichtigsten Arbeiten genannter Künstlerin gehalten wird.

Unwandelbar

Weimar, den 30. Dezember 1825. Goethe.

Soeben kommt Dein »Euryanthischer« Brief, worauf nächstens fernere Erwiderung. — Zugleich empfehle: »Berlinische Nachrichten«, bei Haude und Spener, No. 304.

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