2017-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 04.12.1825 (487)



An Goethe 04.12.1825

Sonntag, 4. Dezember 1825. 

Was ich freudig bewundre, ist das allerliebste Faksimile. Den will ich sehn, der bei solchen Jahren noch so rein, fest und zierliche Hand schreibt. Das kommt alles von der guten Nahrung, die denn auch guten Magen findet, und so weiter. Leider hab’ ich mir das Blättchen vom alten Friedländer abschwatzen lassen, wo es allerdings gut aufgehoben ist.

Diesen alten Gesellen, muß ich Dir nur sagen, erziehe ich Dir, von Grund auf. Er kannte so wie mancher andre seiner Lehrjahre wenig mehr von Dir als den »Werther«, den er nie verstehen lernt. Nun werf ich ihm, da er stets krank ist und stillehalten muß, von Deinen Pillen eine nach der ändern zu; die bleiben auf seiner redlichen Seele sitzen, und nun nach so manchen Jahren sieht Dir der Kerl aus wie eine türkische Weizenschote, und sein Lessing ist ihm unverloren.

Du verzeihst mir’s schon, wenn ich manchen Winterabend mich an solchen Späßen selber übe; ich wollte lieber begraben sein als ohne Gesellen, die ich mir nach meiner Art beschnitze, sollten sie auch schon beschnitten sein.

Deine Betrachtung der Dichtarten habe ich schon 20 mal gelesen und lese sie noch fort. Ich verstehe mich selber erst in Dir, wenn mir so manche andere wie Maler Vorkommen, die mit Farbe zudecken, was sie offenbaren wollen.

So gerüstet steig’ ich wieder ein zu unserm Asthetikus und repetiere die philosophischen Formeln, die ich stets wieder vergesse, wenn ich nicht den Finger drauf halte.

Unser verstorbene, vom alten Fritz sehr hochgehaltene Geheime Finanzrat Wlömer ward einst nach Königsberg zur Revision der dortigen Bank gesandt.

Dort findet er nach 40 Jahren einen ehemaligen Stubenburschen, den alten Kant wieder, und man freut sich heut und früherer Jahre.

»Aber«, spricht der Kant, »hast du Geschäftsmensch wohl auch einmal Lust, meine Schriften zu lesen?« — »O ja! und ich würde es noch öfter tun, nur fehlen mir die Finger.« — »Wie versteh’ ich das?« — »Ja, lieber Freund, Eure Schreibart ist so reich an Klammern und Vorbedingtheiten, welche ich im Auge behalten muß; da setze ich den einen Finger aufs Wort, dann den zweiten, dritten, vierten, und ehe ich das Blatt umschlage, sind meine Finger alle.«

So geht es denn auch mir, und ich muß mich wundern über die Herren und Frauen, die so viele Bücher lesen können, ohne einen Finger zu rühren. Wenn ich verstehe, was ich lese, so regen sich in mir gewisse Tasten, und mein Autor hat gewonnen, denn alles geht seinen ordentlichen Gang: man ist ohne Sorge, ich spiele mit, und das müßte mir ein schlechtes Konzert sein, wo die Musici nicht das meiste Pläsier hätten.

Lebe wohl! das grauliche Wetter und meine Augen wollen sich nicht vertragen.

Dein

Dienstag, 6. Dezember. Z.

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