31.07.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 25.01.1826 (498)



An Goethe 25.01.1826

Berlin, 25. Januar 1826. 

Indem Dein lieber Brief vom 21. dieses gestern ankam, hatte ich eben mein Letztes vom 24. an Dich auf die Post gegeben. Da Du nun ein fleißiger Freund bist, so soll auch von hier aus fortgefahren sein.

Wie muß es mich freuen, daß Dir so lang gehegte Wünsche in Deinen alten Tagen erfüllt werden. Nun steh’ ich im Geiste mit Dir vor Deiner Meduse, seh’ Deinen Finger in melodischen Kreisen sich bewegen, höre Dein liebgewohntes Wort, mein Inneres aufschließend. Die Zeichnung von Julius Roman steht vor mir, Deine Buchstaben sind das Leben selber.

Den 27. Das Schriftchen vom Direktor Struve belehrt und vergnügt mich, da es nichts enthält, was meiner melodischen Behandlung der beiden Balladen entgegen wäre. August Schlegel, der damals in Berlin war, als ich die beiden Stücke auf Noten gesetzt hatte, und dem ich sie oft genug vorgetragen, war auch einverstanden; sogar Tieck, der in Musik schwer zu befriedigende, ließ sich die Melodie zur »Braut von Korinth« besonders gefallen.

Sonntag, 29. Über das Antike Deiner »Iphigenia« bin ich mit unserm Kritiker nicht ganz einverstanden, indem er die Liebe des Thoas zur Iphigenia ganz romantisch nennt.

Eine ganz geteilte, kaum halbe Neigung, deren Interesse bestimmt ausgesprochen wird, kann keine Liebe sein.

Thoas will sein Geschlecht, wo nicht bloß seine Dynastie fortpflanzen; er fürchtet ein einsames hülfloses Alter: das ist seine Liebe; darum ist er einstweilen kein Tyrann, aber er bleibt ein Szythe.

Iphigenia weiß sich eine Griechin, des großen Agamemnons Tochter. Von ewigen Göttern abstammend, Priesterin, Dienerin ihrer Altäre, das steht ihr an; doch Kindermutter einer Barbarenbrut — das sei ferne!

Wenn das romantisch ist, so weiß ich’s nicht, aber möglich ist es, wahr, keusch, groß.

So muß sich auch der Schluß des Stücks selber retten, indem das Einzige geschieht, was auf möglichem Wege Göttern und Menschen natürlich ist, denn die Götter können nur Mögliches wollen.

»Nimmt doch alles ab, warum nicht der Fluch!«

Das ist die Aufgabe; das Haus Atreus soll entsühnt werden. Die Verwickelung ist auf dem Höchsten. Nur das Göttergeschwister selber könnten den Knoten lösen oder sonst ein Wunder.

Statt dessen findet eine Ausgießung des Geistes statt: die Weisheit selber klärt das zweideutige Orakel auf und rettet die ewige Gerechtigkeit, die kompromittiert schien, zur Zufriedenheit aller Teile. Was sind das Worte! — Und doch nicht alle:
Der Freund meint es gut und will endlich noch die Meinungen über Deine Absichten gegen den neuen Glauben (in der »Braut von Korinth«) reinigen. Das soll ihm gern angerechnet sein. Alea jacta est. Was gehn uns Meinungen an über Wahrheit und Dichtung, Antik und Modern! Das Wort steht da und wird stehn. Sela.

Grüß’ dich Gott!

Z.

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