2017-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 16.12.1825 (490)



An Goethe 16.12.1825

Freitag, den 16. Dezember 1825.

Gestern ist eine ganz neue Übersetzung des »Macbeth« (von unserm Königlichen Bibliothekar Spiker) über unsere Bretter gegangen.

Das Stück hat gegen vier Stunden gespielt, wovon etwa Eine Stunde auf Rechnung der Zwischenakte kommen mag.

Die Übersetzung ist fließend und mir nirgend anstößig vorgekommen, da ich die frühem wohl meistens kenne. — Den wollte ich auch sehn, der solch ein Werk ruinierte! Doch sie gehn hinein und kommen wieder nach Hause mit dem bloßen Schauer über alle dem Spuk.

Das Besondere dabei war hier eine ganz neue dazu gesetzte Ouvertüre, die Hexenchöre und -tänze. Der Komponist (Kapellmeister Spohr aus Kassel) ist ein geschickter Mann, und wäre nicht des Guten zuviel, so möchte alles besser sein.

Gegen die Intention ist nichts zu sagen; denn wenn das Orchester einmal da ist, so wäre nicht abzusehn, warum es was anderes spielen sollte, als was hingehört. Doch — was hingehört, ist eine neue Frage.

Die Nacht braucht keiner schwarz zu machen, und da mag der Hase im Pfeffer liegen.

Das Stück ist eine grobe Gesellschaft und erfordert einen derben Stil. Dieser fehlte, und so war man froh, wenn die Mörder oben wieder ihr Wesen trieben.

Fein ausgesonnene Häppchen aus ganz neuen Kochbüchern, kurz ein sogenannter Kammerstil will hier nicht greifen, und da hilft kein Farbenverquisten, das Stück geht seinen Gang, ja selbst der Birnamswald muß mit, und alle die schönen dreimal gestrichnen und geschwänzten Noten bleiben unterwegs liegen.

Aber ich habe daraus gelernt, daß es nur Eine Lady Macbeth gibt, und das ist und das war Madame Nouseul, die schönste Frau und die beste Lady und zwar vor 45 Jahren, die Du gewiß gekannt hast — und nur Einen Macbeth: das ist, das war unser Fleck, den Du auch wohl gekannt hast.

Freilich war man damals stark im Vorliebnehmen, und die Shakespeare’schen Stücke schlugen uns frische Jungen zusammen, daß die Funken flogen, aber auch alles war nicht so verzuckert und verzierlicht. Man genoß gern, was gesund war, und dachte nichts dabei, als es müsse so sein, weil’s nicht anders sein könne, und nun lerne ich altes Gemächte, daß es auch anders sein könne, weil es anders ist. Und wie anders: das Vordere hinten, das Obere unten, Gerades schief und alles überlang, damit es nur schwer zu erkennen, ja zu verkennen sei, und das liebe Publikum schmaust mit eben dem verrückten Appetite die Katze, welche zum Hasen gesotten ist, und findet alles deliziös.

Daß Du das alles besser weißt als ich, versteht sich von selber; ich schreibe es nicht sowohl Dir als mir selber, da man sich nicht genug dagegen präservieren kann. Man muß von Zeit zu Zeit Abführendes gebrauchen, um sich nicht von dem Weltwesen infarzieren zu lassen, wenn man nicht mit zugrunde gehn will. Und so magst Du nur immer tun, als wenn Dir dergleichen noch nicht vorgekommen wäre. Was sollte man auch schreiben, wenn man sich nicht über andere erheben dürfte.

Übrigens ist solch Räsonnement eine Frucht meiner jetzigen Lektur, da ich tief im »Winckelmann« vergraben sitze, den ich zwar nur im Bette vor dem Einschlafen, doch zum ersten Male lese.

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