30.07.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 04.01.1826 (493)




1826


An Goethe 04.01.1826

Berlin, 4. Januar 1826. 

Ja wohl hast Du’s erraten! Mord und Totschlag müßte folgen, dürfte man nicht einlenken und ein neues Gesicht annehmen, wie ein Schauspieler, der zwei Rollen zugleich spielt.

Aber man muß manchmal durchschlagen. Grobheit ist dann das einzige Mittel, und wem der Respekt gegen die Sache gar zu sauer wird, der muß sich doch fürchten, übel behandelt zu werden, was ihm denn der Neid gern gönnt. Man lernt endlich alles gebrauchen.

Du möchtest schon lachen, könnte ich Dich manchmal an der Hand haben, Dir meine Herrlichkeiten in ihrer Gestalt und Ungestalt zu zeigen. Wobei denn doch alles in der Freiheit besteht, wie sie auch sonst nach Würden mißverstanden wird.

Die Welt hat sich ein Wort Lessings gemerkt: »Kein Mensch muß müssen«. Ich aber sage euch: Wer will, der muß, und wer nicht wollen will, der soll mich ungeschoren lassen. So lauft mancher davon, und nach Jahr und Tag kommt er zurück und will müssen. Wird endlich aus der Wirkung das Rechte erkannt und genossen, so versöhnt sich alles wieder, wenn es nur Zeit hat.

Du hast ja einen bedeutenden Teil Deines Lebens unter ganz ähnlichen Verhältnissen verochst, daß Du eben aus Deinem ruhigen Spinnenneste herab kein saures Gesicht zu machen brauchst, wenn ich mein Leben lang zu kneifen und zu keifen und täglich von vorn anzufangen haben werde. Wem dabei die Lust vergeht, der ist nicht besser als die ändern alle; gehe ich entzweit zu Bette, so steh’ ich doch ganz wieder auf.

Freilich kann’s kaum fehlen, daß man sich einmal Überschläge und peccavi sagen müßte. Da sind denn wieder die Frauen mit Ausgleichen bei der Hand, denn diese allein können unparteiisch sein gegen Männer; unterdessen faßt man sich wieder, und die Uhr bleibt im Gange.

Vom alten Fritz hat man mir erzählt, daß er gegen einen jungen Offizier den Stock gehoben habe, der Jüngling aber sei davongelaufen. Ändern Tages läßt der König den Offizier vor sich kommen und sagt ihm:

»Er ist Rittmeister! Das wollte ich Ihm gestern auf der Parade sagen, aber Er lief ja, als wenn Ihm der Kopf brennte. Adieu, Herr Rittmeister!«

So im Großen so im Kleinen. Was soll die Geschichte? wenn sie nicht geschieht und was nicht geschieht, ist auch nicht geschehn. Kann man sich nun solcher Muster rühmen, so lernt man sich fügen, und die Ehre bleibt auf beiden Seiten unangefochten.

Unser gute Schultz hat zu seinen letzten Fährlichkeiten noch das Unglück erfahren müssen, daß sein Bruder, der Bergrat, sich im Gemütskrampfe in den Fluß gestürzt hat und sein Leichnam noch nicht einmal gefunden ist. Berichte ich dergleichen ungern, so wollte ich’s doch nicht verschweigen, wegen der Folgen. Die unglückliche Witwe und Mutter von fünf kleinen Kindern ist die Schwester der Geheimen Rätin Schultz. Schultz, der mit großem Unwillen seines Vaters eine Katholische geheuratet hatte, mußte das sämtliche starke Geschwister seiner Frau, die elternlos war, zu sich nehmen und durfte bei anfänglich mäßigem Einkommen froh sein, eins nach dem ändern versorgt zu sehn, und nun fällt die vervielfachte Last gerade zu einer Zeit auf ihn zurück, wo er an sich selber zuviel hat.

Gestern, Sonnabend, war »Hamlet«. Vom Spiele so viel als wenig. Es war alles neu besetzt und alles viel zu schön. Der einzige Geist war ein ehrlicher schlichter Geist in Gang und Ton und Gestalt und Sprache, und er hat mich so frappiert, indem er von der Rechten her erschien und ich ihn von der entgegengesetzten Seite erwartete, daß mir das ganze Stück wie neu erschien.

Wenn nur die lieben Schauspieler sich das Agieren abgewöhnen wollten! ist es nicht manchmal, als ob sie uns zum besten hätten, indem sie fast immer ausfallen, wo sie parieren sollen, und vice versa? Sie selber zitieren sich einen Toten aus der Gruft hervor, der ihnen dick und derb die Wahrheit sagt; sie sagen’s ihm nach — aber sie gläubeten nicht. O Himmel! ein unvernünftiges Tier muß trauern über solche Entstellung.

Andere Berichte fallen nicht tröstlicher aus. Ungeheure Kleinigkeiten oder vielmehr kleine Ungeheuer treten auf, Sperlinge wollen sie schießen mit Kanonen. Da hat Einer Dein »Jery und Bätely« neu komponiert und, wie ich vernehme, im großen Stil, es soll aber auch danach abgelaufen sein, und man hat Reichardts Komposition wieder gefodert. Der neue Komponist redigiert die hiesige »Musikalische Zeitung«. In dieser war weit und breit von Reichardts schwacher Arbeit gesprochen, die einst Beifall gehabt hat. Die Leute aber merken’s schon, wenn das Land durch Postmeilen und der Taler durch sogenannte Silbergroschen größer werden sollen.

Dienstag, den 10. Januar 1826. Indem ich das Blatt wieder ansehe, muß ich bemerken, daß ich Deinen letzten Brief vom 30. Dezember 1825 beinahe wiederhole. Laß es die Probe sein auf Dein Exempel und ob ich Dich verstanden.

So bleiben wir immer gleichgesinnt,
Eins an des andern Herzen.

Dein                        Z.

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