2017-07-31

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 19.01.1826 (497)



An Goethe 19.01.1826

Donnerstag, 19. Januar. Morgens. 

Fürs erste will ich nur melden, daß mir vom Oberhofpostamte das Kuvert Deines Briefes vom 15. dieses, den ich soeben erhalte, abgefordert worden, wofür ich kein Porto bezahlt habe.

Nun weiß ich doch nicht, welche Bewandtnis es damit hat; denn solltest Du das Porto aus Deiner Tasche zahlen müssen, so ist mir ein Kuvert von Deiner Hand um die paar Groschen auch nicht feil.

Ich saß nämlich am 7. Januar neben einem unserer Posträte zu Tische, den ich, nach Deinem Aufträge, über unsere Korrespondenz befragte, und erhielt eine Antwort, die so gut war als keine, und doch vermute ich, daß das heutige Ereignis eine Antwort ist auf meine Frage. Ein Näheres darüber werde ich ja auch erfahren.

Sonntag. Daß Du mehr tust, wenn Du still sitzest, als ich, wenn ich mit vollen Segeln fahre, begreif ich mit Lust, und daß mancher andere mit dreimal soviel Talent, Geduld und Fleiß längst ad inferos oder in die Luft gesprungen wäre — wenn er die Liebe nicht hat, mag ich mir schon einreden. Um Dir jedoch meine Sachen einigermaßen vors Auge zu bringen, magst du wissen, daß, ob ich gleich als Mitglied des Senats der Königlichen Akademie der Künste dem Ministerio des Unterrichts zufalle, mein ziemlich isoliertes Fach ein in seiner Art Unausprechliches ist, das, kaum benamset, eine supreme Instanz macht.

Unser gute — Wetzlar (auch aus meiner Schule und zuletzt mein nächster Ephorus) hatte einen hohen Stand, vielleicht über sich selber hinaus, angenommen. Er wollte geschwinder bauen, und darüber ist geschehen, was Du weißt. Ich brauche mich nicht zu beklagen, da ich meinen alten Gang gehe; aber Er fehlt mir, wiewohl er mir schon fehlte, als er noch beihanden war.

Nun halten sie ihn für verrückt, ja selbst unser psychologische Freund glaubt an eine fixe Idee, da Verstand und Unverstand in Einem Bette liegen. — Ich weiß es nicht.

Aus jüngern Jahren fällt mir ein Jude ein, namens Michel, der in allen Dingen bis auf zwei Elemente verrückt erschien. Wenn er Französisch sprach, kam kein unebenes
Wort über seine Zunge, und dann spielte er vollkommen Schach.

So kommt dieser Verrückte Michel (wie man ihn nannte) zum alten Mendelssohn, der sitzt und spielt Schach mit dem Rechenmeister Abram. Michel sieht das Spiel an. Abram macht endlich eine Bewegung mit der Rechten, um das Spiel als verloren umzuwerfen, und erhält einen derben Schlag am Kopfe, daß ihm die lose Perücke abfällt. Abram hebt ruhig seine Perücke auf und spricht: »Aber, lieber Michel, wie hätte ich denn ziehn sollen?« Lessing hat den Vorfall im »Nathan« nachgebildet, und da ich auch im Zuge bin, noch folgendes. Der eben genannte Rechenmeister Abram ist eben der, welchen Lessing als Alhafi zum Modell gehabt hat. Er galt für den größten Rechenmeister und Sonderling, unterrichtete für wenige Groschen oder umsonst und bewohnte in Mendelssohns Hause ein Zimmer, auch umsonst. Lessing hielt viel auf ihn, seiner Pietät und seines angeborenen Zynismus wegen. Als Lessing nach Wolfenbüttel ging, bat ihn der Abram um ein rares mathematisches Buch aus der dortigen Bibliothek. Lessing findet zwei Exemplare und schickt das eine dem Abram, um es als Andenken zu behalten. Nach einiger Zeit kommt Abram zu Mendelssohn, bringt das Buch und will es diesem schenken. — »Ihr werdet doch das Buch nicht von Euch lassen, es ist ja ein Freundesandenken!« — »Ja wohl, aber ich brauch’ es nicht mehr, die Exempel sind gut, und ich verstehe kein Griechisch.« — »Nun, ich merke, Ihr braucht Geld; sagt mir, wieviel Ihr braucht!« — »Nein, nein! ich habe Geld und will kein Geld.« — »Nun so geht in Gottes Namen, und braucht Ihr was, so wißt Ihr, wo ich wohne!«

Nach einer Zeit kommt der Abram zu Mendelssohn, der eben den Professor Engel bei sich sieht, steht still und spricht kein Wort. — »Nun, Abram, wie geht’s? Ihr seid so still; Ihr seht mich bedeutend an; fehlt Euch was?« — »Meine Frau ist aus Hannover angekommen, ich habe nur Einen Stuhl« — und so ergreift er einen Stuhl und geht damit zur Tür hinaus.

Es war lustig, vom Professor Engel diese und ähnliche Geschichten erzählen zu hören, der im Gutessen, Trinken und Schlafen ein ausgemachter Zyniker war. Nach dem alten Döbbelin übernahm er die Theaterdirektion, das war sein Tod. Er engagierte allerliebste Mädchen und wollte selber mitspielen. Mir hat er auch eine weggekapert, worüber ich mich lange gegrämt habe. Dadurch verfiel er in Schwachheit, aus dieser ins Delirium und so von Grad zu Grad in die Fäulnis, woran er nun schon über die zwanzig Jahre laboriert.

Heut ist Dienstag und noch etwas mehr. Es ist der 24. Januar, der Geburtstag unsres großen Fritz. Da wird wieder gefressen und zwar in unserm Akademiesaale, und darüber muß unsre Akademie zurückstehn und kann diesen werten Tag auf ihre Art nicht feiern. Das ist denn gestern durch ein Tedeum geschehen, und so bin ich für diesmal abgelöset.

Nun lebe wohl und laß Dir unsre Fischchen so gut schmecken wie mir Deine köstliche Fasanen.

Dein

Z.

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