2017-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 08.12.1825 (488)



489. An Goethe

Donnerstag, 8. Dezember 1825. 

Gestern mittag habe ich einen artigen, beinah unartigen Spaß gehabt. In einer Gesellschaft, deren Mitglied zu sein ich die Ehre habe, kam das Gespräch auf eine in der Spenerschen Zeitung vom 4. November mit Wegwerfung beurteilte Sinfonie von Felix.

Mein Nachbar dicht neben mir rechts wiederholte mit Behagen die Worte jenes Rezensenten, indem er zugleich die Anmaßung des jungen Komponisten angriff, dem Publico eine ganze (sogenannte große) Sinfonie in vier Teilen zum besten zu geben, die mehr Beschwerde als wahren Genuß gewähre. Als er ausgesprochen hatte, bemerkte ich dagegen: der Rezensent habe sich in seiner Beurteilung immer des Worts Wir bedient, welches ich jedoch nicht bis auf mich ausgedehnt wünsche, weil ich nicht der Esel sein wolle, ein fleißiges ordentliches Opus so schnöde verworfen zu sehn.

Kaum ausgeredet, verwandelt sich das Gesicht meines Nachbarn in eine Feuerkugel, die das Tischtuch rötete, kurz, es war der Rezensent selber, denn er versicherte, die Rezension sei zwar nicht von ihm, doch müsse er gestehn — und so weiter.
Vor Schreck (denn den kleinen Schreck verzeihst Du mir schon) ergreife ich meine Flasche und, mein Glas verfehlend, gieße ich in das seine; er setzt es an und nennt meinen Wein ein kräftiges würziges Getränk.

Die Sache ist mir nicht leid und auch nicht lieb; denn der Mann ist gescheut, geschickt und mir wohlwollend gesinnt. Von ihm ist das schmeichelhafte lateinische Gedicht auf mein Jubiläum, das ich Dir wohl gesandt haben mag. Und was soll denn ein Rezensent tun? besonders einer, der die sämtlichen wissenschaftlichen Artikel einer politischen täglichen Zeitung redigiert? Soll er das Gute loben, so muß er Zeit haben, die er nicht hat; so macht er, daß er davonkommt, und verwirft, was ihm nicht schmeckt, und nimmt sein Geld dafür.

Auf der andern Seite ist ein Musikus übler dran als Maler und Schriftsteller. Ich weiß nur zu gut, was Qual und Überwindung es mich gekostet, für meine Versuche ein Orchester zusammenzubringen, das selbst für Geld um Gottes willen kommt, und dann die Zuhörer und vor allen die Gratismänner, die gar nichts erwarten und Unerreichbares fordern und nicht begreifen, wie man so impertinent sei, ihr hohes Ohr sistieren zu wollen. Da hat man zu kämpfen für sich und andere.

Nach Tische beredet mich unser Rezensent, mit ihm ins Theater zu gehn und ein mir noch unbekanntes Stück, »Die Lästerschule« (wenn ich nicht irre, nach Sheridan), zu sehn. Da er ein eingefleischter Engländer ist und ich was wieder gutzumachen hatte, so ging man.

Das Stück war mir unangenehm; man befindet sich unter schlechtem Volke, die Besten sind nichts wert. In solcher Stimmung vergeß ich mich und sage ihm: ich wünschte, daß dieses Stück von Felix und dessen Sinfonie von diesem Verfasser wäre. So wende ich mich um, seine Antwort zu erwarten, und finde einen ganz unbekannten Mann neben mir sitzen, der mich mit großen Augen ansieht. Diese zweite Überraschung an Einem Tage hat mich wieder froh gemacht, und in die »Lästerschule« soll mich die Tugend selbst nicht wieder hineinengländern.

Ein Architekt aus Koblenz, der eben über Weimar kommt, will euer neues Theater nicht loben, und was krieg’ ich, wenn ich ihm glaube? Ich habe ihn nur einmal gesprochen, er soll ein geschickter Mann sein, und doch weiß ich, wie man mit den Besten daran ist. Man wird so skeptisch gemacht, daß ich mir selber nicht mehr glaube, wenn ich nicht was davon habe.

Wenn ich mit meinen kurz aufeinander folgenden Briefen Löcher in euren Beutel werfe, so räche Dich und laß mich wieder zahlen. Schickst Du mir aber Pakete, so gib einen Brief daneben. Für die mir überschickte »Iphigenie« habe Einen Taler 9 Groschen und 9 Pfennige Postgeld bezahlt, weil man es wahrscheinlich für so viele Briefe gehalten hat.

Die Sache mit der Büste ist so nebelhaft, daß ich selber noch nicht recht weiß wie. Genug: Langermann ist es, der Dir diese Büste sendet, von der Du den ersten Abguß haben solltest. Dieser Abguß war gemacht, eingepackt und mit einem Briefe abgesendet, ganz unbegreiflicherweise aber in Rathenau angekommen. Haben sich nun die guten Rathenauer etwa Deine Büste bestellt und statt derselben die erhaltene gefunden, so möchte man wohl ein stiller Zeuge ihrer Überraschung gewesen sein.

Es ist Sonnabend. Lebe wohl!

Dein                  Z.

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