2017-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 24.12.1825 (491)



492. An Goethe 24.12.1825

Berlin, 24. Dezember 1825. Weihnachtsabend.

Gestern ist Maria v. Webers neuste Oper »Euryanthe« auf unserm großen Theater mit vorentschiedenem Beifalle gegeben worden.

In Wien, Dresden und ändern Orten hat das Werk nicht greifen wollen, was seine hundert Ursachen haben mag. Das Gedicht will sich nicht exponieren. Graf Brühl hat es hier so imponierend ausgestattet, wie es dem Freunde, dem Intendanten wohl ziemt und der historisch-romantischen Oper zukommt.

Nach dem Stücke ward alles gerufen. Zuerst der Komponist, der sich schon nach dem ersten Akte zeigen mußte und alle Aufmunterung des angespannten Fleißes verdient, dem ein kranker Körper doppelt lästig ist.

Darauf ist dann noch geschmatzt und geschmaust worden, was endlich völlige Befriedigung, ja Versöhnung wirkt. Mehrere Freunde zogen den Komponisten mit sich, die Chöre der Sänger und Hörner folgten, und so hat der Saus und Braus bis gegen Morgen hingehalten.

Daß ich altes Stück dabei nun auch immer sein muß, braucht Dich nicht zu wundern, weil ich nicht der Narr sein will, mit den Schmälern zu Winkel zu gehn und mich am Wohlergehn Eines Menschen in der Welt zu ärgern. Was ich mir kann gefallen lassen, nur darüber kann ich urteilen, und was mir gefällt, darüber brauch’ ich nicht zu urteilen. Da bleibt man in seiner Mitte, und die Besten stehn einem am nächsten.

Auch habe den »Macbeth« wieder gesehn und habe Dir ja wohl schon einmal darüber geschrieben. Mag doch alles sein, wie es ist, man wird nach und nach klar; man tut davon und dazu, und es entsteht ein fertiges Bild. Soll ich ändern helfen, so muß ich mir auch selber helfen dürfen.

In Madame Nouseul fand ich meine Lady Macbeth: eine schönste, nicht ganz junge Frau, die einen tapfern gefeierten Mann beherrscht, von dem sie keine Kinder hat. Das liegt tief in ihrer Seele, und der Brief holt es herauf.

Macbeth: stark, fertig, glücklich. Der König sendet ihn, die Rebellen zu züchtigen; hier ist er an seiner Stelle, und die Sache ist getan. Er ist menschlich, aber roh, abergläubig; ein Wachs in eines schönen Weibes Hand. Mitten im Taumel wachsender Höhe bis zum Throne schlägt ihn die Erinnerung der prophetischen Schwestern nieder, solche Höhe nicht eigenen Kindern hinterlassen zu müssen. Nun ist Madame schon Königin; sie regiert, und Er ist wieder das Werkzeug fremden Willens, der Dolch kommt ihm entgegen, er darf nur zugreifen, und er greift zu.

Dunkan ein alter gütiger Herr, die Ruhe liebend; er dürfte kaum vermißt werden, die Gelegenheit ist bequem und die Sache bald getan.

Das alles sahn wir zu unserer Zeit in Fleck und Madame Nouseul, und ich darf mich freuen, es behalten zu haben, um das Andenken an diese zwei würdige Menschen an Dein Herz zu legen, denn es ist über vierzig Jahre her und der Ruhm eines Schauspielers nach seinem Tode eine Seltenheit.

Den 25. Dezember. Der alte ehrliche Friedländer hat den »Phädon« wieder auflegen lassen und mir es vorigen Sonntag geschenkt. Auch Dir mag er ein Exemplar zugesandt haben.

Die neue Einleitung und den Anhang habe gelesen und das »Leben des Sokrates« auch. In die Gespräche selbst gucke ich nur so hinein und kann ein heimliches Frissonnement kaum bemeistern, als wenn’s nicht geraten wäre, an der Türe zu horchen oder durchs Schlüsselloch zu gucken. Das Liebste am ganzen Buche ist mir der gute Wille des Gebers und ein Faksimile nach des Autors Hand:

»In jenem Leben ein mehres. Moses Mendelssohn.«

Ohne Zweifel: Ja und Nein! - Das Quentchen Geist, was Du Deine unsterbliche Seele nennst, ist ein unbekannter Fund, der selber nicht weiß, wie er auf diesen oder jenen Pflock fällt, und Du lebst von seinen Zinsen. Nun rühre Dich damit, schlage Zinsen zu Kapital, und läßt Du was nach, so wird’s halten, solang es hält. Hab’ ich’s in der Welt nicht zum schlechtsten gehabt, so will ich ändern die Hoffnung nicht durch meinen Anteil schmälern. Es tut mir schon leid, wenn mich fürs erste mancher missen sollte, der es mit mir auch nicht schlechter gehabt hat.

Es mag nicht hieher gehören, doch fällt mir eben hier die Antwort eines lebhaften Franzosen ein: »Was Nachwelt! Wie komm’ ich dazu, was für die Nachwelt zu tun? Was hat denn die Nachwelt für mich getan?« Das klingt wie eine geborstne Glocke. Nicht wahr?

26. Dezember. Eben kommt mir das »Literaturblatt« No. 97 des »Morgenblatts« zu Gesichte, worin Thibaut auf acht Spalten sein Büchlein: »Über Reinheit der Tonkunst« gegen harte Angriffe meines Freundes Nägeli in Zürich verteidigt.
Es ist scharmant, solche Manövers an sich vorübergehn zu sehn, wo einer den ändern bekriegt, um nachher die Waffen wieder zu reinigen oder zu putzen. Wenn scharf geladen wäre, möchten beide was abkriegen, so ist es nichts.

Mich möchten sie auch heranputschen; da können sie warten, bis ich wieder auf die Welt komme. Sie gehören beide zu denen, welchen ich wohl will und (mit Dir zu reden) ihnen noch wohler wollen möchte, wenn ich könnte. Wenn solche Männer schaden könnten, so würden sie doppelt schaden: sie verwickeln sich in eine klare Sache, mit der sie es gut zu meinen glauben, und sind Feinde geworden fürs ganze Leben. Der eine hat Historie geladen, der andere pafft mit pulverisierter Ästhetik, und was die Welt davon hat, ist alter oder neuer Gestank oder beides. Pfui!

Nun, dächt’ ich, könntest Du auch wohl einmal wieder ein Blatt an mich wenden, wär’s auch nur, um alle das tolle Zeug zu schelten, was ich Dir schreibe. Lebe nur und sei getrost und munter für

Deinen

Z.

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