2017-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 27.11.1825 (486)



An Goethe 27.11.1825

Sonntag, 27. November 1825. 

Unter den vielen schönen Sachen, die Dir an Deinem Ehrentage geworden sind, bleibt mit euer Regierungsblatt No. 14 vom 11. November 1825 ein liebes Wahrzeichen, und wenn ich mir etwas zu haben wünsche, so ist es die Doppelmedaille mit den drei Bildnissen.

Aber auch ich habe die Ehre, daß mir ein Exemplar der »Iphigenie« auf Befehl des Großherzogs durch den Kanzler Müller ist zugesendet worden.

Freitag, 2. Dezember. Soeben kommt Dein Brief vom 26.-29. vorigen Monats. Schönsten Dank für alles darin und dabei!

Was Du von der Büste sagst und was ich mich kaum getraute zu denken, wollte auch hier schon mancher bemerken, wiewohl ich selber davon die Ursache sein mag. Ich weiß mich nicht in einer ruhigen Stellung zu tragen, wenn ich nicht bald einschlafen soll. Um das Letztere zu vermeiden, habe ich mich bei der Arbeit ziemlich lebhaft über Kunst- und Künstlerwesen mit meinem Schöpfer unterhalten, und da wäre es kein Wunder, wenn eine gewisse Übertreibung, die meinem Innern zuwider, wiewohl meinem Äußern anhängig sein mag, auf das Abbild übergegangen wäre.

Aber die Büste soll in Marmor ausgeführt werden, und Du wärst wohl der Mann, unsern vortrefflichen Künstler aufmerksam zu machen auf solche Feinheit, worüber ein anderer vergebens das rechte Wort sucht. Ich selbst kann dabei keine Stimme haben, wie ich die Ehre einer solchen Anerkennung schätze.

Den alten Carolinischen Sauerteig hatte ich in der genannten Ästhetik auch schon gewittert, da ich meinen Mann kenne, der über Schönheit und Vollkommenheit fühlt wie ein alter Junggeselle.

Er ist ein Schüler von Forkel, und was dieser verehrt hat, will der Schüler so fort treiben.

Forkel war Dr. der Philosophie und Dr. der Musik zugleich, ist aber sein Leben lang weder mit der einen noch der ändern in unmittelbare Berührung gekommen und hat ein schlechtes Ende genommen. Er hat eine Geschichte der Musik angefangen und da aufgehört, von wo für uns eine Historie möglich ist.

Uber Glucks Sukzeß hat er sich gelb und grün geärgert und dessen Opern herabsetzen wollen; Mozart wollte er ebensowenig anerkennen und mochte manchen auf seiner Seite haben. Sebastian Bach war sein Held, der ihn gleichwohl zur Verzweifelung brachte, indem er seine Härten, Petulanzen, Frei- und Frechheiten nicht mit einer Größe und Tiefe zu reimen wußte, die allerdings nicht zu verkennen ist. Zuletzt schrieb er, und zu diesem Endzweck, Bachs Leben, ohne [mehr] davon zu wissen, als was aller Welt ohnehin bekannt ist. Er läuft an ihm herum, tastiert hier und dort, kann aber weder hinein noch hinauf, und so schließt sich seine Arbeit, indem er uns alle ermahnt, zu sein, was Bach war — »ja Kuchen!« sagt man hier.

Werde nur nicht ungeduldig über solch Geschwätz; es ist eben morgens um 11 Uhr und so finster, daß ich die Feder kaum sehe, mit der ich schreibe. So erfolgen denn die Briefe bis Ende 1824. Soll ich denn die von diesem Jahre auch senden?

Sonnabend, 3. Dezember 1825. Z.

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