31.07.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 04.02.1826 (500)



An Goethe 04.02.1826

Berlin, 4. Februar 1826. 

Das beigehende Schriftchen unseres Hirt wird mir soeben vom Grafen Ingenheim zugesendet, um es an Dich abgehn zu lassen. Es mag ein Irrtum sein, da Du es nach der Bezeichnung durch Rauch erhalten sollst. So hab’ ich es denn bei dieser Gelegenheit auch gesehn.

Wolltest du mir etwa einen Wink gönnen über diese Ariadna cornuta? Denn durch Hirts Bemühung bin ich zwar etwas gelehrter worden, doch fehlt uns ach! das Wort, wodurch es wird, was es gewesen. Wäre das Stück aus Fragmenten zusammengefunden, so könnte man sich eher was gefallen lassen; ein ganz vollendet aufgefundenes Ganze aber von so vielem Verdienste kann doch wohl kein Auseinander sein.

Den 12. Dann sende ferner ein kleineres Produkt der Tätigkeit unseres Künstler Vereines. Der Text ist vom alten Schadow, wie ich ihn von Jugend an kenne. Ich habe die Reise nicht mitgemacht, wiewohl ich darin vorkomme. Aufrichtig gesagt, bin ich gern unter diesen guten Menschen, auf die sich bei unsern schönen Mitteln wohl wirken ließe; doch muß ich mich nachgerade vor großer Leibesbewegung hüten. Sind unsere Berge nicht hoch zu besteigen, so hat man auch nichts davon, das man nicht zu Hause besser hätte.

Den 18. Februar. Du hast ja wohl die No. 41 und 42 des »Konversationsblatts« gesehn: »Über Friedrich August Wolf«, von Wilhelm Müller, worin manch derbes Wort zu Wolfs Gunsten niedergelegt ist, dem wir von Herzen beistimmen.

Die Sache scheint mir noch zu frisch. Seine letzten zwanzig Jahre würden sich zu einem biographischen Stilleben eignen, das nur wenige Blasen eines noch fließenden Daseins erkennen ließ. Hier müßte sein Biograph anfangen, um aufs beste zu schließen. So ausgezeichnet aber der Mann auch war, so wird auch wohl ein Maß sein. Der Sprung vom geistvollen Griechen und Lateiner zum deutschen Originalisten mag dem Herrn Wilhelm Müller nicht groß Vorkommen, er ist aber nicht getan worden, und wer die Nase so hoch trägt, sollte billig ein Selbeignes einzuschenken haben; geborgt ist nicht geschenkt.

Am Ende sehn die Herren alle einander ähnlich, und auch unser Selige hätte nicht ungern von den ändern gefordert, was Er allein wollte getan haben.

Ich erinnere mich recht gut seiner Miene über Deinen neuen Gesang zur »Ilias«. Was er aber auch damit sagen wollte oder nicht: den Gedanken hat er Dir nicht vergeben; er hat ihn beneidet, wie ein Kaufherr, der einen neuen Laden neben sich entstehn sieht. — Wie konntest Du Dir auch das herausnehmen!

Hätte Er aber das Stück im Winkel einer Bibliothek selbst entdeckt, so hättest Du Deine Freude daran erleben sollen.

Deine Zutaten zum »Phaethon« wurden von ihm anerkannt. Ich sagte ihm: »Das wäre eine Arbeit gewesen für Sie«, worauf ich mich keiner Antwort erinnere.

Wenn Du das auch selber weißt, so darf ich’s wohl sagen, da ich seinem Andenken kein Unrecht abzubüßen wüßte. Hab’ ich manchmal für ihn in die Kohlen geschlagen, so ist mir’s auch danach bekommen. Ihrer zehn gegen den Einen, der nichts weiter zu sagen wußte als: Ihr seid doch Lumpen! 

Sonntag, 26. Dein Brief vom 20. hat mir schon genug zu denken gegeben. Einer zu fett, der andere zu mager oder zu jung oder zu alt. Und alle helfen uns kränkeln.

1. März. Ein junger Medizinalrat Casper geht darauf aus, sich namkündig zu erweisen. Er ist ein berlinisch Kind, hat die Apothekerei bei unserm Medizinalassessor Schräder erlernt, 30 oder etliches drüber alt; gewandt, geschickt, rührig, leidlich und gelitten. Er und seine Frau sind früher meine Schüler in der Musik gewesen, nicht ohne Erfolg; auch einen hübschen Vers hat er sonst zu machen gewußt. Im Jahre 1818 fand ich ihn als Abiturienten in Göttingen, von wo er sich eine Schmarre mitgebracht hat. Er ist in Paris gewesen, spricht das Französische nicht ungelenk; klein, nicht fett, doch wohlgewachsen, aber er ist — getauft.

Nun will ich noch Langermann ins Vertrauen nehmen, der ja wohl ex professo das ganze Regiment, jeden ex ungue, kennen muß.

Sonnabend, den 4. Nun bekomme eben die Einlage und sage bloß Lebewohl.

Dein

Z.

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