2017-07-29

Gedichte von C.D.F.Schubert: An den Mond (5)



An den Mond

Da steht der Mond! verweile,
Verweile, lieber Mond,
Wo ein Genoß der Eule
In Felsentrümmern wohnt.

An meiner Handbreit Himmel
Steh' still und säus'le Ruh'
Nach so viel Angstgetümmel
Dem müden Herzen zu.

Doch scheinst du mir so trübe;
Dies Leichenangesicht
Ist nicht das Bild der Liebe,
Das Trost herunter spricht.

So blaß, so bangsam stille
Sah ich nie deinen Schein.
Mich dünkt, o Mond! dich hülle
Ein Todtenschleier ein.

So hast du nicht geschienen,
Wenn ich dich ehmals sah,
Mit diesen bleichen Mienen
Und diesen Flecken da.

Sind's Thränen, diese Flecken,
Die dein Bewohner weint,
Wenn Kerkernächt' ihn schrecken
Und keine Sonn' ihm scheint?

Giebt's denn, du Nachtgefährte,
Bei dir auch so viel Qual,
Wie hier auf unsrer Erde
Im Todtenschädelthal?

Ach nein! nur uns Betrübte
Trifft Kerkerqual und Tod.
Dort wandeln Gottgeliebte
Vom Elend unbedroht.

Doch säuselst du auch Freuden,
Du lieber Mond, herab,
Und kühlst nach heißen Leiden
Den Erdenpilger ab.

Wenn im Gefühl der Schmerzen
Uns eine Thrän' entfällt,
So füllst du unsre Herzen
Mit Ahnung jener Welt.

Dem Frommen und dem Weisen,
Den Seelen voll Gefühl,
Die deine Schöne preisen,
Giebst du der Freuden viel.

Vielleicht mit hellen Wangen,
Wird ach mein Miller jetzt
An deiner Scheibe hangen,
Von Sympathie durchblitzt.

Fass' ihn mit einem Schauer
Und zeig' ihm dann mein Bild
Von tiefer, stummer Trauer
Und langem Elend wild.

Zeig' ihm mein strohern Bette,
Des Kerkers feuchte Nacht,
Und diesen Ring, zur Kette
Für seinen Freund gemacht.

Mal' seinem zarten Sinne
Die Wand hier, schwarz vom Rauch,
Bekrochen von der Spinne
Und von des Wurmes Bauch.

Mal' ihm die Eisenstange,
An der dein Licht verbleicht,
Wo trüb' und stumm und bange
Der Tag vorüber schleicht.

Das fürchterliche Schweigen
Der Menschen um mich her,
Mein Jammern ohne Zeugen,
Mein Herz vom Troste leer.

Zeig' ihm die Nadelspitze,
Die meine Adern zwingt,
Bis aus der Purpurritze
Blut statt der Tinte springt.

Zeig' ihm den Ziegelboden,
Wo ich so manchen Tag
Gestreckt, gleich einem Todten,
In starrer Ohnmacht lag.

Wenn dann im Angesichte
Des Edlen Thränen glühn,
So tret' in deinem Lichte
Mein Engel vor ihn hin.

Und sage: Miller ! trauernd
Verließ ich deinen Freund
Im Kerker; sehnsuchtschauernd
Hat er nach dir geweint.

Ach, bet' in Mondglanznächten
Um deines Freundes Tod.
Das Beten des Gerechten
Vermag ja viel bei Gott.

O Mond! noch immer trübe
Blickst du aus weißem Flor?
Bescheinst du meine Liebe?
Sieht sie nach dir empor?

Kniet sie in ihrer Kammer,
Und betet sie für mich?
So stille ihren Jammer,
O Mond, ich bitte dich.

Kühl' sie mit Himmelslüften,
Wenn ihre Wange glüht,
Und sie in deinen Düften
Mich Armen schweben sieht.

Ach, meinem Arm entrissen
Weint sie vielleicht um mich;
Und unsre Blicke küssen
Auf deiner Scheibe sich.

Du liebe Gattin, sterben,
Ach sterben möcht' ich nun,
Mein Kleid im Mondglanz färben,
In seinen Thalen ruhn.

Genug hab' ich gestritten
Mit tausendfacher Noth;
Willst du um etwas bitten,
So bitt' um meinen Tod.

Dann fliegt vom Aschenberge
Die Seel', o Mond, zu dir
Und läßt gefüllte Särge
In Gräbern unter ihr.

Du meine Witwe, blicke
Dann froh hinauf zum Mond,
Wo frei vom Mißgeschicke
Dein armer Gatte wohnt.

Siehst du am Mond vorüber
Ein Wölklein ziehn, so sprich:
Dort kommt vielleicht mein Lieber
Und betet nun für mich.

Einst flieg' ich dir, du Treue,
Entgegen, wenn dein Geist,
Beströmt von Himmelsbläue
Und Mondglanz, Jesum preist.

O Trost, nun klag' ich nimmer
So wüthend meinen Schmerz;
Denn Hoffnung, hell vom Schimmer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de