2017-07-30

Gedichte von C.M.Wieland: Die erste Liebe (2)










Die erste Liebe

 An Psyche

 Die Quelle der Vergessenheit, 
 Aus welcher in der Fabelzeit 
 Die frommen Schatten sich betranken, 
 Und dann, vom Los der Sterblichkeit, 
 Von Sorgen und von Nachtgedanken, 
 Von langer Weil und Zwang befreit, 
 In selger Wonnetrunkenheit 
 Hin auf Elysiens Rosen sanken: 
 Was meinst du, Freundin, was sie war? 
Dein Beispiel macht die Sache klar; 
 Du kennst nun Amors Wundertriebe; 
 Von diesem Lethe sehen wir 
 Die klaren Wirkungen an Dir: 
 Dies Zauberwasser ist - die Liebe.

 Ein Tröpfchen, sei es noch so klein, 
 In Unschuld züchtiglich hinein 
 Geschlürft aus Amors Nektarbecher, 
 Tut alles dies! Was wird geschehn, 
 Wenn unerfahrne junge Zecher 
 Im Trinken gar sich übersehn?

 Das süße Gift! es schleicht die Kehle
 So sanft hinab! - Was Wunder auch,
 Wenn eine wonnetrunkne Seele
 Dem jungen Faun beim ersten Schlauch
 Ein wenig gleicht, dem seine Höhle,
 Sein Schlauch, und der geliebte Freund
 Der mit ihm zecht, das Weltall scheint?

 Du staunst mich an? - O! um die Dichterköpfe!
 Fi! wie mir der Faununkulus,
 (Das ungleichartigste Geschöpfe
 Mit Amorn, der von einem Kuß
 Zehn Jahre lebt) da ich ein Gleichnis brauche, 
 Just in die Quere laufen muß! 
 Das närrsche kleine Ding mit seinem ersten Schlauche!
 Allein, so geht's uns armen Reimern gern. 
 Nicht immer bleiben wir des Flügelpferdchens Herrn! 
 Bald übermeistert uns die Laune, 
 Bald gar der Reim. Wer sieht den Abstand nicht 
 Vom Gott der Zärtlichkeit zum Faune? 
 Allein den Reim, die Laune, ficht 
 Dies wenig an; sie wechseln oder paaren, 
 Nach Willkür und Gemächlichkeit, 
 Oft Dinge, die, seitdem den Elementenstreit 
 Ein Gott entschied, noch nie gepaart gewesen waren: 
 Die Laune holt zur feinsten Ironie 
 Den Stoff vom - Vorgebirg der Nasen; 
 Und läßt der Reim nicht ohne Müh 
 Den Hasen bei Delphinen grasen?

 Doch, so wie auch ein Tor einmal was kluges spricht, 
 So reimte dieses Mal der Reim so übel nicht: 
 Denn etwas, gutes Kind, ist, leider! an der Sache. 
 Nicht, daß ich's dir zum Vorwurf mache! 
 Die Grazien verhüten's! - Aber doch 
 Bleibt wahr, was wahr ist: daß, seit du aus Amors-Schlauche 
 Den großen Zug getan, du kaum von ferne noch 
 (Dank sei dem losen kleinen Gauche!) 
 Dich jenes schönen Traums aus einer bessern Zeit 
 Besinnen kannst, den wir für Wahrheit hielten, 
 Eh diese Amorn noch um deinen Busen spielten.

 Denn, sprich mit Offenherzigkeit, 
 Wo sind sie hin, die Bilder jener Zeit, 
 Als, an der besten Mutter Seite, 
 Wir, wie die guten frommen Leute 
 Der alten goldnen Schäferzeit, 
 In selger Abgeschiedenheit 
 Von Hof und Welt, gleich Geßners Hirten, 
 Im Schatten junger Pappeln irrten? -

 Die, weil sie Panthea mit eigner Hand gepflanzt, 
 In unsem Augen schöner waren 
 Als Tempe, wo mit los gebundnen Haaren 
 Um Daphnens Stamm die Nymphe tanzt. 
 Sprich, war in seinen Schäferjahren 
 Apollo glücklicher als ich? 
 Auch dich, Psycharion, auch dich 
 Schien unsre Freundschaft zu beglücken; 
 Ein sanftes, geistiges Entzücken 
 In deinem Lächeln, deinen Blicken 
 Schien der geschwisterlichen Schar, 
 Die durch dein Anschaun glücklich war, 
 Des Engels Wonne auszudrücken, 
 Der sich allein in seinen Freunden liebt, 
 Und Wonne fühlt indem er Wonne gibt.

 O gute Psyche, welch ein Leben, 
 Hätt ihm ein günstiges Geschick 
 Ein wenig Dauer nur gegeben! 
 Denn ach! es war ein Augenblick! 
 Der Mond ging auf, der Störer unsrer Freuden, 
 Der Amorn oft die Zeit zu lange macht: 
 Uns kam er stets zu früh - er kam, um uns zu scheiden!
 Vergebens hofften wir den Flug der braunen Nacht 
 Durch unsre Wünsche aufzuhalten: 
 Wir wurden im Olymp, wie billig, ausgelacht; 
 Die Götter sparen ihre Macht; 
 Kurz Phöbus ging zur Ruh, und alles blieb beim alten. 
 Was war zu tun? Geschieden mußt es sein! 
 Ein traurig Lebewohl erstarb auf jedem Munde. 
 Noch diesen letzten Blick! - Da bin ich nun allein, 
 Und stehe noch, mit offnem Aug und Munde, 
 Als wurzelt' ich in zauberischem Grunde, 
 Wie ein gebannter Ritter, ein.

 Nicht wahr, an alles dies erinnerst du dich kaum,
 Vielleicht, wie man von einem Morgentraum
 Die schnell zerfließenden Gestalten
 Vergebens sich bestrebet fest zu halten? 
 Vergessen ist im Arm des neuen Agathon 
 Der gute Psammis-Danischmende; 
 Die Götterchen von Paphos sehn mit Hohn 
 Auf ihn herab von ihrem Lilienthron, 
 Und klatschen in die kleinen Hände. 
 Doch, was ist hier, ihr Götterchen, am Ende 
 So viel zu klatschen? Spart den Hohn! 
 Hofft nicht, daß uns der Wert der überwundnen blende! 
 Mit Zauberwaffen trägt man leicht den Sieg davon.

 Die Wahrheit, Freundin, ist, daß der
 Von Liebe gar nichts wissen müßte,
 Der in dies Wunderwerk sich nicht zu finden wüßte.
 Die erste Liebe wirkt dies alles und noch mehr.
 Mit ihrem ersten süßen Beben
 Beginnt für uns ein neues beßres Leben.
 So sehen wir im Lenz der Sommervögel Heer
 Auf jungen Flügeln sich erheben:
 Gleich ihnen, sind wir nun nicht mehr
 Die Erdenkinder von vorher;
 Wir atmen Himmelslüfte, schweben
 Wie Geister, ohne Leib, einher
 In einem Ocean von Wonne;
 Bestrahlt von einer schönern Sonne
 Blüht eine schönere Natur
 Rings um uns auf; der Wald, die Flur,
 So deucht uns, teilen unsre Triebe, 
 Und alles haucht den Geist der Liebe.

 O Zauberei der ersten Liebe!
 Noch jetzt, da schon zum Abend sich
 Mein Leben neigt, beglückst du mich!
 Noch denk ich mit Entzücken dich,
 Du Götterstand der ersten Liebe!
 Was hat dies Leben das dir gleicht,
 Du schöner Irrtum schöner Seelen?
 Wo ist die Lust die nicht der hohen Wonne weicht,
 Wenn von den göttlichen Clarissen und Pamelen, 
 Von jedem Ideal, womit die Phantasie 
 Geschäftig war in Träumen uns zu laben, 
 Wir nun das Urbild sehn, sie nun gefunden haben, 
 Die Hälfte unser selbst, zu der die Sympathie 
 Geheimnisvoll uns hinzog - Sie, 
 Im süßen Wahnsinn unsrer Augen, 
 Das Schönste der Natur! Aus deren Anblick wir, 
 Wie Kinder an der Brust, nun unser Leben saugen, 
 Von allem um uns her nichts sehen außer Ihr, 
 Selbst in Elysiens goldnen Auen 
 Nichts sehen würden außer Ihr, 
 Nichts wünschen würden, als sie ewig anzuschauen!

 Von diesem Augenblick nimmt sie als Siegerin 
 Besitz von unserm ganzen Wesen. 
 Wir sehn und hören nun mit einem andern Sinn; 
 Die Dinge sind nicht mehr was sie zuvor gewesen. 
 Die ganze Schöpfung ist die Blende nur, worin 
 Die Göttin glänzt, die Wolk, auf der sie schwebet, 
 Der Schattengrund, der ihren Reiz erhebet. 
Ihr huldigt jeder Kreis der lebenden Natur; 
Ihr schmücken sich die Hecken und die Bäume 
 Mit jungem Laub, mit Blumen Tal und Flur; 
Ihr singt die Nachtigall, und Bäche murmeln nur 
 Damit sie desto sanfter träume; 
 Indes der West, der ihren Schlummer kühlt, 
 Für sie allein der Blüten Balsam stiehlt, 
 Und, taumelnd vor Vergnügen, 
 Verliebte Rosen sich auf ihrem Busen wiegen.

Sie träumt - Ein süßes Lächeln schwebt
 Um ihren rötern Mund, um ihre vollern Wangen:
 O! wär es zärtliches Verlangen,
 Was den verschönten Busen hebt!
 O! träumte sie - (so klopft mit ängstlicher Begier
 Des Jünglings Herz) o träumte sie von mir!
 O Amor, sei der blöden Hoffnung günstig!
 Er nähert furchtsam sich, und selbst der keusche Blick
 Besorgt zu kühn zu sein, und bebt von ihr zurück. 
 Doch Amor gibt ihm Mut, die Dämmrung ist so günstig,
 Und, o wie schön ist Sie! - Verloren im Genuß 
 Des Anschauns steht er eine Weile 
 So steinern da wie eine Marmorsäule. 
 Wie selig er sich fühlen muß! 
 Den Göttern gleich zu sein was fehlt ihm noch? - ein Kuß, 
 Ein einzger unbemerkter Kuß, 
 Wie Zephyr küßt, auf ihre sanfte - Stirne. 
 Der höchste Wunsch, den seine Liebe wagt! 
 Und auch dies Wenige, so viel für ihn! versagt 
 Sein Zaudern ihm. Denn eh sein Mund es wagt, 
 Reibt Chloe schon den Schlummer von der Stirne.
 Sie schlägt die Augen auf. Bestürzung, Zärtlichkeit, 
 Und holde Scham, in zweifelhaftem Streit, 
 Verwirren ihren Blick. Er glaubt ihr Auge zürne, 
 Sieht bang sie an, und flieht. Nun ist rings um ihn her 
 Die weite Schöpfung: öd und leer, 
 Die Luft nicht blau, der Mai nicht blühend mehr; 
 Das Sonnenlicht hört auf für ihn zu scheinen. 
 Dort sitzt er, wo der finstre Hain 
 Die längsten Schatten wirft, auf einem rauhen Stein, 
 Gefühllos jedem Schmerz - als ungeliebt zu sein, 
 Gefühllos jeder Lust - als ungestört zu weinen.

 Schon sinkt des Himmels Auge zu, 
 Schon liegt die Welt in allgemeinem Schlummer, 
 Und Er, versenkt in seinen Kummer, 
 Er wird es nicht gewahr. Die Ruh 
 Flieht, Ärmster, deine Brust, und deine Augenlider 
 Der süße Schlaf! Der Abend weicht der Nacht, 
 Die schöne Nacht dem schönern Morgen wieder, 
 (Für dich nicht schön!) und du, an Chloens Bild 
 Geheftet, ganz von ihr und deinem Schmerz erfüllt, 
 Bemerkst es nicht! Und doch, bei allem seinem Leiden, 
 Liebt er die Quelle seiner Pein: 
 Er nähme nicht der Götter Freuden 
 Von seinem Wahn geheilt zu sein!
 Doch, welche Wonne, welche Freuden, 
 Erwarten, sanfter Jüngling, dich, 
 Wenn Sie, - die alle deine Leiden 
 Mit dir geteilt, und, wenn bei deinem Anblick sich 
 Oft eine Trän aus ihrem Auge schlich, 
 Kaum Mut genug sich wegzuwenden hatte, -
 Wenn sie die Kraft verliert mehr Widerstand zu tun, 
 Wenn, ganz des Gottes voll, das matte 
 In Liebe schwimmende, unschuldge Auge nun 
 An deiner Wange sich des süßen Drucks entladet, 
 Und die vom Übermaß der Lust 
 Dem Schleier ausgerißne Brust 
 In unverhehlten Tränen badet!

 Vergib, Psycharion - Bei diesem Bild entfällt 
 Der Pinsel meiner Hand! - Nehmt ihn, ihr Huldgöttinnen,
 Euch weih ich ihn! und aufgestellt 
 In eurem Heiligtum, geliebte Charitinnen, 
 Sei euch zum Preis, das unvollendte Bild. 
 Von eurem Schleier sei's verhüllt 
 Dem Faunenblick des Sklaven seiner Sinnen, 
 Dem unbegreiflich ist, wie man 
 Mit Amors Dienst den euren paaren kann; 
 Der Flammen, die bei ihm nur in den Adern rinnen, 
 Vom Schlauch Silens entlehnt, 
 Und die Empfindungen verfeinter innrer Sinnen 
 In feilen Armen höhnt.

 Verachte, Psyche, der Bacchanten
 Und Satyrn Hohn! Geneuß der selgen Schwärmerei,
 Des goldnen Traums, der uns zu Anverwandten
 Der Götter macht! Laßt kalte Sykophanten
 Beweisen daß er Täuschung sei,
 Und glaube du, Glückselige, der Stimme
 Des Engels der in deinem Busen wohnt!
 Neu ist die Wonne dir womit uns Amor lohnt;
 Durch manche Trän erkauft, und desto süßer! - Schwimme
 In diesem Ocean! - Sie, die gefällig sich
 Mit der Natur und dem Geschick verglich, 
 Dich, schöne Freundin, zu beglücken, 
 Die Tugend billigt dein Entzücken, 
 Und Amors holde Schwestern pflücken 
Idaliens schönsten Kranz für dich.

Du bist beglückt, - und Ich - vergessen!
 Es sei! - Die Freundschaft eifert nicht.
 Noch tanzt das magische Gesicht
 Um deine Stirne, noch ist alles eitel Licht
 Und Himmel um dich her, noch fließet ungemessen,
 Gleich dem unendlichen Moment der Ewigkeit, 
 Die Zeit der süßen Trunkenheit -
O Psyche, auch für mich war einst so eine Zeit! 
 Was hätt ich damals nicht vergessen, 
 Als ich in dem Bezaubrungsstand, 
 Worin Du bist, mit Doris mich befand; 
 Und - wenn ich ihr, so früh es immer tagte, 
 Bis unbemerkt der letzte Strahl verschwand, 
 Das ewge Einerlei, das ich für sie empfand, 
 Stets neu auf tausend Arten sagte -
 Den längsten Tag zu kurz, es ihr zu sagen, fand!

 O Wonnetage, gleich den Stunden,
 In ihrem Anschaun zugebracht!
 O Wochen, gleich dem Traum in einer Sommernacht!
 Geliebter Traum! der, längst verschwunden,
 Noch durch Erinnrung glücklich macht!
 Wo seid ihr hin, ihr unbereuten Freuden,
 Du Blüte der Empfindsamkeit,
 Um die wir jene goldne Zeit
 Schuldloser Unerfahrenheit
 Und unbesorgter Sicherheit
 Und wesenloser Lust und wesenloser Leiden
 (Mit aller ihrer Eitelkeit)
 In weisern Tagen oft beneiden;
 Du erster Druck von ihrer sanften Hand,
 Und du, mit dem ich mein entflohnes Leben
 Auf ihren Lippen wieder fand,
 Du erster Kuß! - Euch kann kein Gott mir wieder geben!

 Sie welkt dahin des Lebens Blumenzeit!
 Ein ewger Frühling blüht allein im Feenlande;
 Und Amors reinste Seligkeit
 Bringt uns zu nah dem Götterstande
 Um dauerhaft zu sein. Wie selten ist das Glück,
 Das deine Liebe krönt, Psycharion! wie selten
 Erhört das neidische Geschick
 Der ersten Liebe Wunsch! Wir gäben Thronen, Welten,
 In ihrem Rausch, um eine Hütte hin;
 Ein Hüttchen nur, im Land der Geßnerischen Hirten,
 Just groß genug, um uns und unsre Schäferin,
 Die Grazien und Amorn zu bewirten.
 Sie wüchsen von sich selbst, im Schutz des guten Pans,
 Die Bäume, die, indem wir sorglos küßten,
 Uns Müßiggänger nähren müßten!
 Wie selig! - Aber Zeus lacht des verliebten Wahns.
 Sein Schicksal trennt - aus guten Gründen -
Den Schäfer und die Schäferin.
 Und o! wie spitzt sich einst des Pastor fidos Kinn,
 Wenn zu den väterlichen Linden
 Die Zeit zurück ihn führt, die holde Schäferin,
 Auf deren Schwur und treuen Sinn
 Er seines Lebens Glück versichert war zu gründen,
 In eines andern Arm zu finden!
 Noch glücklich, wenn vielmehr - ihr Aschenkrug,
 Umringt von traurigen Cypressen,
 Ihm sagt: Daß Chloens Herz, von stillem Gram zerfressen,
 Aus Sehnsucht brach, und Zug für Zug
 Sein wertes Bild mit sich ins Land der Schatten trug;
 Daß in der letzten Todesstunde
 Ihr Aug ihn noch gesucht und auf dem kalten Munde
 Sein Name noch geschwebt! - Doch dreimal glücklicher,
 Wenn, wie Amandus und Amande,
 Nachdem sie manches Jahr zu Wasser und zu Lande
 Durch Berg und Tal, von Zaras heißem Sande
 Bis an den gelben Fluß, sich rastlos aufgesucht, 
 Der Liebesgott mitleidig ihrer Flucht 
 Ein Ende macht, im Tor von Samarkande 
 Sie unverhofft zusammen fügt, 
 Und, wie sie nun, im vollen Überwallen 
 Der Zärtlichkeit, sich in die Arme fallen, 
 Davon mit ihren Seelen fliegt.

 Doch, Freundin! setzen wir den seltensten der Fälle;
 (Denn selbst die Königin der Amorn sah sich nie
 In diesem Fall; Vulkan vertrat des Ehmanns Stelle,
 Und für Adone seufzte sie!)
 Gesetzt, daß Cypripor und Hymen sich verbanden,
 Zwei Hälften, die, zum Glück, einander fanden,
 So zu beseligen, wie mit gesamter Hand
 Die beiden Götterchen uns glücklich machen können;
 Kurz, Psyche, setzen wir ein Band
 Wie deines: glaubest du, der hohe Wonnestand
 Der ersten Schwärmerei, er werde dauern können!
 Wie gerne wollt ich dir den süßen Irrtum gönnen!
 Doch, leben wir nicht unterm Mond?
 Was bleibt vom Los der Sterblichkeit verschont?
 Im Zauberlande der Ideen,
 Da gäb ich's zu! allein in unsrer Welt,
 In dieser Werktagswelt, wo bloß vom langen Stehen
 Selbst der Koloß von Rhodus endlich fällt,
 Wird, glaube mir, so lange sie noch hält,
 Nichts Unvergängliches gesehen.
 Da hilft kein Reiz, kein Talisman!
 Der Zauber löst sich auf! - Wir essen
 (Verschlingen oft, und tun nicht wohl daran)
 Die süße Frucht, und mitten in dem Wahn
 Des neuen Götterstands, dem magischen Vergessen
 Der Menschheit, werden uns die Augen aufgetan.
 So wie die Seele sich - dem Leibe
 Zu nahe macht, weg ist die Zauberei!
 Die Göttin sinkt herab zum - Weibe,
 Der Halbgott wird - ein Mann. - Doch, Psyche, wenn dabei
 Die, so am meisten wagt, am wenigsten verlöre: 
 Verdiente sie, den Grazien zur Ehre, 
 Nicht ein Kapellchen in Cythere?

 Daß übrigens euch in der stolzen Ruh
 Des schönen Irrtums nicht die Prophezeiung störe!
 Gesetzt, der Ausgang sagt' ihr zu -
 Uns anderm Erdenvolk ist's immer sehr viel Ehre,
 Daß uns ein Mann wie Er, ein Weib wie Du,
 So bald als möglich angehöre.
 Der Menschenstand, den Doktor Mandevil
 Und Freund Hans Jack (wenn ihn die Laun auf Vieren
Zu gehn ergreift) bei uns verkleinern will,
 Hat seinen Wert; und unter allen Tieren
 (Die Kaffern nehm ich aus) ist, wie ein weiser Mann
 Vorlängst gesagt, nicht Eines anzuführen
 Das sich an Tugenden mit uns vergleichen kann;
 Vorausgesetzt, daß Amor mit den Musen
 Und Grazien die letzte Hand
 An uns gelegt! - Denn, in dem rohen Stand,
 Worin an Mutter Isis Busen
 Die meisten hangen, geb ich zu,
 Daß mir ein hübscher Sapaju,
 Der Sperling Lesbiens, ein Täubchen aus Cythere,
 Und Gressets Papagei zum Umgang lieber wäre.

 Dir, Schwesterchen, und deinem künftgen Mann,
 Begünstigt wie ihr seid von Grazien und Musen,
 Steht ganz gewiß die schöne Menschheit an,
 Zu welcher, wie das Nektarräuschchen schwindet,
 Die Göttin unvermerkt sich abgeschattet findet.
 Auch das Gedächtnis wird dann wieder aufgetan.
 Im kleinen Hain der Nachtigallen
 Wird, Psyche, dir mein eignes Bild sogar
 (Nicht ohne Wunder, wo's zeither geblieben war)
 Stracks wieder in die Augen fallen.
 Die Freundschaft, eingesetzt in ihr erlangtes Recht,
 Wird nicht mehr, weil ihr Rosen brecht,
 Von ferne stehn und sich verlassen grämen: 
 Doch wird sie willig sich bequemen, 
 In deinem Herzen nur das Plätzchen einzunehmen, 
 Das Hymen, der doch wohl nicht alles füllen kann, 
 Ihr lassen will. Auch wird er bald gestehen, 
 Daß - wär es nur, um zuzusehen 
 Wie wohl euch ist - man dann und wann 
 Den Freund, so nebenher, ganz wohl gebrauchen kann.


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