2017-07-30

Gedichte von. H.v.Kleist : Epigramme Reihe 2 (6)



(2. Reihe)

Musikalische Einsicht

An Fr.v.P ...

Zeno, beschirmt, und Diogen, mich, ihr Weisen! Wie soll ich
Heute tugendhaft sein, da ich die Stimme gehört.

Eine Stimme, der Brust so schlank, wie die Zeder, entwachsen,
Schöner gewipfelt entblüht keine, Parthenope, dir.

Nun versteh ich den Platon erst, ihr ïonischen Lieder,
Eure Gewalt, und warum Hellas in Fesseln jetzt liegt.

Demosthenes, an die griechischen Republiken

Hättet ihr halb nur soviel, als jetzo, einander zu stürzen,
Euch zu erhalten getan: glücklich noch wärt ihr und frei.

Das frühreife Genie

Nun, das nenn ich ein frühgereiftes Talent doch! bei seiner
Eltern Hochzeit bereits hat er den Carmen gemacht.

Die Schwierigkeit

In ein großes Verhältnis, das fand ich oft, ist die Einsicht
Leicht, das Kleinliche ists, was sich mit Mühe begreift.

Eine notwendige Berichtigung

Frauen stünde, gelehrt sein, nicht? Die Wahrheit zu sagen,
Nützlich ist es, es steht Männern so wenig, wie Fraun.

Das Sprachversehen

Was! Du nimmst sie jetzt nicht, und warst der Dame versprochen?
Antwort: Lieber! vergib, man verspricht sich ja wohl.

Die Reuige

Himmel, welch eine Pein sie fühlt! Sie hat so viel Tugend
Immer gesprochen, daß ihr nun kein Verführer mehr naht.

Das Horoskop

Wehe dir, daß du kein Tor warst jung, da die Grazie dir Duldung
Noch erflehte, du wirst, Stax, nun im Alter es sein.

Der Aufschluss

Was dich, fragst du, verdammt, stets mit den Dienern zu hadern?
Freund, sie verstehen den Dienst, aber nicht du den Befehl.

Der unbefugte Kritikus

Ei, welch ein Einfall dir kömmt! Du richtest die Kunst mir, zu schreiben,
Ehe du selber die Kunst, Bester, zu lesen gelernt.

Die unverhoffte Wirkung

Wenn du die Kinder ermahnst, so meinst du, dein Amt sei erfüllet.
Weißt du, was sie dadurch lernen? – Ermahnen, mein Freund!

Der Pädagog

Einen andern stellt er für sich, den Aufbau der Zeiten
Weiter zu fördern, er selbst führet den Sand nicht herbei.

P ... und F ...

Setzet, ihr trafts mit euerer Kunst, und erzögt uns die Jugend
Nun zu Männern, wie ihr: lieben Freunde, was wärs?

Die lebendigen Pflanzen

An M ...

Eine Mütze, gewaltig und groß, über mehrere Häupter
Zerrst du, und zeigst dann, sie gehn unter denselbigen Hut.

Der Bauer, als er aus der Kirche kam

Ach, wie erwähltet Ihr heut, Herr Pfarr, so erbauliche Lieder!
Grade die Nummern, seht her, die ich ins Lotto gesetzt.

Freundesrat

Ob dus im Tag'buch auch anmerkst? Handle! War es was Böses,
Fühl es, o Freund, und vergiß; Gutes? Vergiß es noch eh'r!

Die Schatzgräberin

Mütterchen, sag, was suchst du im Schutt dort? Siebenzig Jahre
Hat dich der Himmel getäuscht, und doch noch glaubst du an Glück?

Die Bestimmung

Was ich fühle, wie sprech ich es aus? – Der Mensch ist doch immer,
Selbst auch in dem Kreis lieblicher Freunde, allein.

Der Bewunderer des Shakespeare

Narr, du prahlst, ich befriedge dich nicht! Am Mindervollkommnen
Sich erfreuen, zeigt Geist, nicht am Vortrefflichen, an!



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