2017-07-29

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Lied der Weihe (1)



Waiblinger, Wilhelm

Lieder des Römischen Carnevals

Lied der Weihe

Ein Sänger, der in weiter Ferne
Vom deutschen Vaterlande lebt,
In dessen Geist und Herz so gerne
Der Heimat Bild herüberschwebt,
Singt unter Frühlingslaub und Blüte
Zum ersten Mal voll stiller Ruh
Im tiefbesänftigten Gemüthe
Sein Lied euch in den Norden zu.

Euch Allen rührt sie sanft den Busen,
Die Sehnsucht nach dem schönen Land,
Wo einst der heil'ge Chor der Musen
Der Vorzeit Lorbeerkränze band,
Unsterbliche, gepries'ne Siege
Die Weltgebieter einst gekrönt,
Und Sanzio seine große Wiege
Mit allem Himmelsglanz verschönt.

Drum hofft der Sänger, auch willkommen
Mit seinem Herzensgruß zu sein:
Denn ob ihm schon das Glück genommen
Was wild und zart, was groß und klein
Das heiße Herz ihm einst erfreute,
Der Heimat wie der Liebe Lust;
Ach Wonnen, die er nie bereute,
Die Sehnsucht jeder Menschenbrust;

Doch ist der Trennung bittre Klage,
Das Ach des Lebewohls gestillt,
Und allen Gram verlorner Tage,
Das trübe Nachtstück, überschwillt
Die reine Flut des neuen Lebens,
Wo die Vergangenheit versank,
Wo ich des wunden Seelenstrebens
Vergessenheit in Fülle trank.

Kein feuchtes Auge voll Vertrauen,
Voll Liebesweh, voll sel'gem Wahn,
Doch wohl auf immergrünen Auen
Blickt mich manch süßes Veilchen an;
Ach keiner Lippe holdes Schmachten,
Kein Seufzer, kein beredter Schwall,
Doch Haine, die schon Flaccus lachten,
Voll vom Gesang der Nachtigall!

Wohl jauchzt die Seele voll Entzücken,
Wenn von Mäcenas Wunderhaus,
Gleich einem Schleier anzublicken,
Aus alter Bögen Nacht heraus,
Von Tiburs Fels, wie aus den Lüften,
Die silberne Kaskade schäumt,
Im Wasserklang, in Blumendüften
Die große, schöne Vorwelt träumt!

Wenn sie an deinem klaren Spiegel,
Dianensee, dem Winde lauscht,
Der in dem Laub mit sanftem Flügel
Gleich einem Geist der Fabel rauscht;
O Lust, die nur die Götter kennen,
Wenn oft so unaussprechlich hold
Die lichten grünen Haine brennen,
Und Psyche schwelgt im Abendgold;

Wenn in die hellen, milden Weiten
Ihr Blick aus Lorbeerdunkel streift,
Und träumend von den Heldenzeiten
Zum Zauberberg der Circe schweift,
Der dort so lieblich, so verschwiegen,
An Sagen und an Wundern reich,
Des Meeres blauem Duft entstiegen,
Den Märchen meiner Kindheit gleich;

Wenn sie, vom Jubel und Gesange
Nun aus dem Träumen aufgestört,
Ein frohes Volk beim wilden Klange
Der Tamburine jauchzen hört,
Und auf der Flur in lust'gen Tänzen,
Wo goldne Früchte niederblühn,
Voll Sinnenlust, mit Rosenkränzen
Die schönsten Frau'n der Erde glühn;

Da möchte sie voll Freude fühlen,
Wie ewig jung und sorgenlos
Dort im Olymp die Götter spielen,
Erhaben über Glück und Loos;
Da möchte sie nur selig preisen
Wer keiner weitern Zukunft harrt,
Da grüßte sie allein als Weisen
Das Kind der holden Gegenwart.

Und so empfangt denn auch die Gabe,
Die mir der Augenblick geschenkt:
Zwar hat die Zeit im frühen Grabe
So eilend den Genuß versenkt.
Doch ihm entsproßt die schönste Blume
Des Liedes duft'ge Heiterkeit;
So sei die Blüte denn dem Ruhme,

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