29.07.2017

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Achtes Lied (9)



Achtes Lied

Noch umflattern mich die frohen
Saturnalischen Gestalten,
Noch von jenem Rosenscheine
Fühl' ich selig mich umwittert,
Noch von kindisch muntrer Schalkheit
Bald geschmeichelt, bald gefährdet,
Noch vom Lebenssturm umrauscht,
Der zum wilden Tanz begeistert.

Doch die Täuschung nur der Sinne,
Die Erinn'rung des Genusses
Ist es nur! Von keinem Fenster
Und Balkone weht ein Teppich,
Keine Veilchensträuße fliegen
Mehr zu schöngeschmückten Frauen,
Und der kurzen Zier beraubt,
Trauert Rom in seiner Stille.

Trübte sich das Lied des Sängers,
Bei der eigenen Enttäuschung,
Bei den langen Trauertagen
Mit gerechtem Schmerz verweilend?
Klagt' es um der Liebe Freuden,
Um die Freunde, die Gespielen,
Um des Ruhmes goldnen Wahn,
Unersetzliche Verluste?

Könnt' es aller Lust entsagen,
Und das Haupt, für Myrtenkränze
Bacchuslaub und sanfte Rosen,
Und vielleicht bestimmt für Lorbeer,
Sollte Todtenasche decken?
Nein, auch dies ist schon vorüber,
Und ein neues Leben scheint
Sich dem Sänger zu entfalten.

Denn der Frühling naht in seiner
Lieblichkeit, in süßer Wärme
Wacht er auf, und frohe Vögel
Singen in des Mandels Blüte;
Schwindet ja im holden Süden
Nie der Lenz, der schöne Jüngling,
Ganz hinweg – er schlummert nur
Kurze Zeit im Lorbeerschatten.

Und es regte nicht dem Sänger
Frühlingslust den frischen Busen?
Wenn die Mandelbäume blühen,
Keimte nichts in seinem Herzen?
Wenn die milden Lüfte jubeln
Vom Gesang der Vögel, griffe
Nicht zur Leier seine Hand,
Um ein heitres Lied zu singen?

Nein! Wer könnte solcher Allmacht,
Solcher Lockung widerstehen!
Neues fühlt er in sich werden,
Manche Hoffnung sich erfüllen,
Eine Zukunft, leicht und selig,
Sieht er fern herüberschweben,
Sei's auch, daß er hier sie nicht,
Im Elysium doch erreiche!

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