29.07.2017

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Lied der Liebe in die Heimath (30)




Lied der Liebe in die Heimath

Ach warum in dieser Ferne,
Süßes Herz, so weit von dir?
Alle Sonnen, alle Sterne,
Oeffnen ihre Augen mir,
Nur die schönsten blauen Strahlen,
Nur das reinste tiefste Licht,
Drin sich Erd' und Himmel malen,
Nur dein treues Auge nicht.

Ja, ich seh' in wilden Lauben,
Ueber Bergen, über Seen,
Kind voll Unschuld und voll Glauben,
Dich in frommer Stille gehn.
Um die bleichen feuchten Wangen
Spielt die frische Abendluft,
Und es steigt dein zart Verlangen
Himmelwärts wie Blumenduft.

Thrän' an Thräne seh' ich rinnen
Tief aus deines Auges Nacht,
Und mit glühend heißen Sinnen
Hängst du an der Sterne Pracht –
O mein Kind, in jenen Räumen
Suchst du den Geliebten schon,
Und so früh den schönen Träumen
Spräche das Verhängniß Hohn?

Nein, dem liebenden Gemüthe
Sind sie schmerzlich sanfter Trost!
Nach dem Winter kommt die Blüthe,
Die ein neuer West umkost.
Bei den heimathlichen Auen,
Bei der Burgruine Bild,
Da, wo Aug' und Blumen thanen,
Mädchen, sei dein Weh gestillt.

Was du weinend mir gegeben,
All dein himmlisch Heiligthum,
War ein Kuß fürs Erdenleben,
War es für Elysium.
Mein ist dein verschämtes Zagen,
Mein die jungfräuliche Scheu,
Konntest du so muthig wagen,

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