29.07.2017

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Fünftes Lied (6)



Fünftes Lied

Und als allerliebste Bäurin
Naht sie mir des andern Tages,
Gestern neckte Stab und Glocke,
Heut' ein artig Blumenkörbchen,
Und im weißen Seidenhemde
Hüpft heran die wohl erkannte
Lüsterne Begleiterin
Mit dem wilden Tamburine.

Voller drängt sich's heut als gestern,
Und von tausend lust'gen Bächen
Jetzt vergrößert, jauchzt und schäumet
Nun der Strom des Bacchanals;
Ja, der Gott ist im Gefolge
Seiner taumelnden Mänaden
Selbst gekommen, um dem Volk
Ganz die Sinne zu berücken.

Seht die schreienden Doctoren,
Wie sie ihre Weisheit pred'gen,
Einem hübschen Schelmenkinde
Hier den zarten Puls befühlen,
Mörderische Instrumente,
Köstliche Arzneien zeigen,
Wie der Apotheker sich
Durch des Mörsers Schall verkündet.

Hier wird ein Proceß geschlichtet,
Dort ein anderer verwickelt;
Mit der jungen Ehehälfte
Zeigt sich der Papa im Schlafrock,
Und der Schalk, der Pulcinella,
Ueber seine Schulter guckt er
Schon mit einem Horn und setzt
Ihm aufs Haupt die Narrenkappe.

Wandelnde Museen lassen
Ihre Raritäten sehen,
Seinen Bündel Maccaroni
Speist aus dem geheimen Topfe
Der Bajaccio, jener Kutscher
Trägt die Windmühl' auf dem Hute;
Und am Zopfe flattert dem
Gar ein Dutzend Distelfinken.

Im zerlumpten Bettlerrocke,
Und gewalt'gem Lorbeerkranze
Wandelt der Poet. Da ruft es:
Platz gemacht! und mit der Brille,
Der Perrücke Lockenturme
Kommt der Graf einhergeschritten,
Und die derbe Römerwurst
Guckt ihm aus der Seitentasche.

Zu des Dudelsackes Schnarren
Singt hier der Campagnenbauer
Wohlerfundne Ritornelle
Jenen Damen an dem Fenster;
Mit liebäugelndem Gesichte,
Schmeichelnden Manieren wandelt
Dort ein schönes Kind; doch nein,
Ein vermummter hübscher Junge.

Sieh doch nur den schlauen Narren,
Auf der Kutschentreppe steht er,
Jener Brittin einen Spiegel
Vor die schlimme Larve haltend,
Oder dort den Rechtsgelehrten,
Wie er sich zum Advokaten
Einem blondgelocktem Schalk
In der Liebe Zwist empfiehlet.

Auf bekränzten vollen Wägen,
Unter schatt'ger Lorbeerlaube
Zieht bei Becherklang der Winzer
Frohe Schaar an uns vorüber;
Und die Tamburine schallen
Rauschend zu den Chorgesängen;
Unter frischen Burschen sitzt
Manches Kind mit vollem Busen.

Heute gilt's, die Welt zu narren.
Heute gilt's, genarrt zu werden!
Alle Thorheit auf der Erde
Hat sich schwesterlich versammelt;
Der Verstand, er schwingt mit Jauchzen
Heut' die Pulcinellenkappe,
Und die Weisheit zeigt dem Volk
Ohne Scheu die Eselsohren.

Und des eignen Lebens denk' ich,
Mancher schwergebüßten Irrung,
Mancher Thorheit, die ich offen
Im Triumph zur Schau getragen.
Aber still davon, wir dürfen
Heute keinen Narren schelten,
Und an eines Mädchens Arm

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