29.07.2017

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Lied der Nazarena: Sechstes Lied (20)



Sechstes Lied

Sie.

Ja, so laß es uns bestellen,
Besser ist's, ich bin im Kloster
Als in meines Vaters Hause;
Nimmer kannst du hier mich sehen,
Denn der böse Vater zürnet,
Ach! und Feinde hast du mehr
Als du weißt, in diesen Bergen.

Ich.

Halte treu an dem Entschlusse,
Deiner wart' ich denn im Kloster:
Hätt' es nimmer mir geträumet,
Daß mein Liebchen Nonne würde.
Gut ist es, des Vaters Zürnen
Zu vermeiden, doch warum,
Sprich, hab ich der Feinde viele?

Sie.

Viele schon, und wohl ein Dutzend
Haben mich zum Weib begehret,
Aber welche mir gefielen,
Die gefielen nicht dem Vater,
Und die er gewählt, ich mochte
Sie nicht leiden, alle nun
Macht die Eifersucht zu Feinden.

Ich.

Drum mit seinem Willen wirst du
Niemals eines Mannes werden,
Und so laß denn im Geheimen
Einen Liebesbund uns knüpfen;
Glaub', ich kenne Welt und Menschen,
Glaube, Mädchen, wer nicht täuscht,
Wird dafür getäuscht von andern.

Sie.

Aber, lieber Freund, ich fürchte,
Allzu eng sind Klosterbande;
Uns zu sehn, und uns zu sprechen,
Schwierig wird es sein; die Nonne
Bleibt im traurigen Gemache.
Ach mir bangt, es wird uns nicht
Glücken, wieder uns zu finden.

Ich.

Ohne Furcht, mein Kind, es findet
Das Geheimniß eines Briefchens
Eingang auch ins Nonnenkloster;
Doch die holde Kunst zu schreiben
Sei die erste, die du lernest;
Liebe, die da sprechen lehrt,
Liebe lehrt gewiß auch schreiben.

Sie.

Und so geben denn die Heiligen
Ihren Schutz dir auf die Reise;
Nimm zum Pfande meiner Treue
Diese Hand, du darfst nicht weilen,
Denn sie lauern dein und trachten
Böses – warte mein in Rom!

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