2017-07-29

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Das Pantheon (29)



Vermischte Gedichte

Das Pantheon

Oft in der Mitternächte Schweigen
Pfleg' ich mit leisem Geistertritt
Das Kapitol herabzusteigen,
Und schnell beflügelt sich mein Schritt,
Die dunkeln Wege wandl' ich schnelle,
Die nur die tiefste Sehnsucht kennt,
Wo selten noch ein Lichtchen helle
Vorm Bild der Mutter Gottes brennt.

Da hör' ich durch die düstre Stille,
In der so gern die Trauer sinnt,
Wie schon des Brunnens kühle Fülle
Ins Marmorbecken niederrinnt,
Und plötzlich – als erstünd' es eben,
Ein hoher Geist, vom Grab empor –
O Götter Roms, ihr habt mein Leben!
Taucht's herrlich aus der Nacht hervor.

O wie mit namenlosem Schauer
Hängt Herz und Auge da an dir,
Und wie voll schwermuthsvoller Trauer,
Voll heil'gem Ernst erscheinst du mir,
Du Stolz der Vorwelt und der Ahnen,
Du Riesenkind voll Majestät,
Von Völkerstürmen und Orkanen
Fast zwei Jahrtausende umweht,

Das sich, der dunkeln Macht der Horen,
Dem Schicksal seines Roms zum Spott,
Zum großen Liebling auserkoren
Dein alter heil'ger Donnergott,
Mein Tempel, und mein höchstes Sehnen
Der zarten Kindersehnsucht schon,
Du Opferschaale meiner Thränen,
Nun meine Braut, o Pantheon!

Mir ist, es sei dir zugeschworen,
Als wärest du mein größ'res Herz
Zur kühnen Schöpfung ausgeboren,
All mein Gesang mit seinem Schmerz,
Zum hohen Marmorbild geründet,
Der Götter Herrlichstem geweiht,
Auf ew'gen Säulen fest gegründet,
Und sein Altar Unsterblichkeit.

Der Wand'rer sieht mit sel'gen Blicken
Roms Forum in der Abendgluth,
Wo unter mächt'gen Tempelstücken
Der breitgehörnte Stier nun ruht,
Und sanft umblüht von frischem Grüne,
Durchstrahlt von Gold und Himmelblau,
Der Vorwelt furchtbarste Ruine,
Des Colosseums Riesenbau.

Doch flücht ich stets aus diesem Grause
Erinnrungsvoller Einsamkeit
Mich wieder zu dem Götterhause,
Wo eingehüllt in Dunkelheit,
Von tiefem Schatten nur gehoben,
Die stolze Säulenhalle blickt,
Und über seiner Wölbung oben
Mich nur ein einz'ger Stern entzückt.

Von Tasso's Eiche seh' ich gerne
Hinab, wo sich, gewaltig Rom,
Vom Tempel der Minerva ferne
Hinan bis zu Sankt Petri Dom
Dein ungeheures Bild entfaltet,
Und über grüner Pinien Pracht,
So unaussprechlich schön gestaltet,
Sabina's Duftgebirge lacht!

Doch stillt mein Sehnen all und Hoffen,
Agrippa, nur dein Tempelrund,
Denn gastfrei allen Göttern offen,
Mit allen Himmlischen im Bund,
Ist ihm das ernste Herz willkommen,
Das für die alten Götter fühlt,
Und jetzt, ach nur zu oft beklommen

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