2017-07-29

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Lied der Nazarena: Viertes Lied (18)



Viertes Lied

Sie.

Und du scheidest! – ach ich fürchte,
Schon in Palestrina hast du
Nazarenens Bild vergessen,
Und die Schönheit Roms und deiner
Reizend holden Römerinnen –
Sicher, daß sie's alsobald
Dir aus Herz und Seele tilgen.

Ich.

Nein lebendig, wie dem Schiffer,
Der allein auf schwachem Balken
Irrte durch des Meeres Wüste,
Nie das Bild des grünen Eilands,
Wo er Rettung fand, verschwindet,
Wird Olevano mir treu,
Ewig in der Seele schweben.

Sie.

Besser wär' es wohl, du Lieber,
Wenn du ganz herüberzögest;
Schön ist's ja in unsern Bergen,
Wie's die fremden Wandrer rühmen,
Könntest hier auch dichten, lesen,
Träumen, schreiben, und du wärst
Nazarenen doch nicht ferne.

Ich.

Liebes Kind, mein Schicksal will es,
Daß ich nun zum Capitole
Und den großen Plätzen allen
Meiner Lieb' und Schwermuth wandre!
Doch wenn auf der Serpentara
Wieder die Kastanie grünt,
Dann, mein Leben, kehr' ich wieder.

Sie.

Ach du kehrst nicht mehr, ich ahn' es,
Eine wohl der schönen Frauen
Wird dein Herz in Liebe fesseln.
Denn gewiß, du hast der Mädchen
Viele schon gehabt. Ich warte
Dein umsonst: der Frühling kehrt,
Aber du, mein Herz, nicht wieder.

Ich.

Sei nicht bange, Nazarena!
Unter Roms, Albano's Frauen,
Selbst am Blumenfest Genzano's 
Unter all' der schönen Jugend,
Hab' ich dennoch keine Schönheit,
Hab' ich doch kein Angesicht
Wie das deinige gesehen.

Sie.

Aber zu gering den Wünschen
Deines Herzens möcht' ich scheinen:
Schlicht nur nach der Berge Sitten
Trag' ich Halstuch, Band und Schleier;
Meine sechzehn Lenze sind mir
Nur im Garten, am Kamin
Und am Webestuhl verflossen.

Ich.

Darum frisch und unverdorben
Bist du immerfort geblieben.
Dein Geschlecht – im Rausch der Städte
Längst verlernt' ich es zu achten,
Und aus Irrthum, Wust und Täuschung
Nun zur lauteren Natur,
Nazarena, kehr' ich wieder.

Sie.

Aber ach, du sagtest gestern,
Große, große Wanderungen
Ueber's Meer hinüber, glaub' ich,
Wolltest du auf's Jahr beginnen.
O mir graus't es vor dem Meere,
Wenn ich's oft so weit und hoch
Von der Serpentara sehe.

Ich.

Nach dem Eiland der Cyklopen,
Nach dem Aetna und den Trümmern
Siracusa's und Girgenti's
Möcht' ich wohl hinüberschiffen.
Aber sicher, süße Seele,
Kehr' ich über's schöne Meer,
Wenn die Traube reift, zurücke.

Sie.

Und dein Vaterland? du wolltest
Deine Lieben nimmer sehen,
Deine Mutter, und die Vielen,
Denen du im Herzen wohnest?
O gewiß, du möchtest alle
Wiedersehn; und wenn du gehst,
Was ist dann mit Nazarenen?

Ich.

Kind, von einer Welt, die liebend
Einst an dieser Brust gehangen,
Ist mir nichts fast übrig blieben;
Nur der Vater, nur die Mutter
Ist noch mein durch Götter Gnade,
Und ein schönes Herz noch, sonst

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