29.07.2017

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Sechstes Lied (7)



Sechstes Lied

Unter Spiel und Scherz und Possen
Ist die Nacht herangekommen,
Doch im sanften Sternenscheine
Läßt es sich nur besser schäkern,
Und gespensterhafte Schalkheit
Lacht und spukt durch alle Gassen.
Erst wenn Phöbus sich entfernt,
Wagt sich Momus aus dem Hause.

Gib die Hand mir, Kind der Liebe,
Sind wir endlich doch alleine!
Laß uns schnell nach Hause wandeln,
Nimm dir vom Gesicht die Maske;
Denn der Nacht, warum nicht könntest,
Wer du bist, ihr anvertrauen?
Schnell die Maske weg, und dann
Wieder auf die vollen Straßen!

Folge mir, an allen Ecken
Hörst du jetzt den Pulcinella
Mit der Narrenglocke läuten,
Manche Mandoline klimpert
Unter dem erhellten Fenster!
Gehn wir eilig! denn mich locket
Jener schwarzen Osterie
Alterthümliches Gewölbe.

Willst du fröhlich sein, so trinke
Abends deinen vollen Becher
Süßen Frascatanerweines,
Und ein Liebchen dir zur Seite
Kränz' ihn dir mit seinen Rosen.
Ohne Wein und ohne Liebchen
Sieht man sich das tolle Volk
Nur mit Neid des Lebens freuen.

Lauschen wir dem wilden Dichter,
Der im Kreis gedrängter Masken
Hier mit Liedern aus dem Stegreif
Seine Hörerschaft begeistert,
Wie das lust'ge blonde Bübchen,
Schon Hanswurst dort auf dem Tische,
Dem besess'nen Sänger lauscht
Und mit seinen Händen klatschet.

Doch auch hier will sich die wilde
Römerin nicht lang gedulden,
Ob wir ins Theater eilen,
Ob wir eine Oper hören,
Ob uns das Ballet vergnüge,
Oder ob uns der Taddei
Seltne Kunst belustige,
Oder gar Cassandro's Puppe?

Doch zum Maskenballe leitet
Mich der artige Schalk; ich folge!
Keine Beatrice führt mich,
Aber eine Bajadere!
Nein, wer konnte sie verschmähen!
Tausend Frauen sah ich heute
Schon verschleiert, aber doch
Keine einzige Bestale.

Und des heitern Zauberhauses
Hellgestirnter Lichterhimmel
Oeffnet dem entzückten Auge
Seine weite, schöne Wölbung,
Und in magischer Beleuchtung
Seh' ich unterm wilden Sturme
Bacchischer Musik die Welt
Eines holden Traumes wogen.

Wie in nächtlichen Gesichten
Uns die Phantasie zuweilen
Tief in eines Berges Gründe
Durch den Schacht der Erde führet,
Und bei wundersamen Lichtern
Uns phantastische Gestalten
Und die allerschönsten Frau'n
Um die trunknen Sinne gaukeln:

Also dünk' ich mir zu träumen;
Zwar es spukt die keckste Freude,
Scherz und Witz in hundert Masken,
Zwar es athmet allenthalben,
Schön und glühend, sinnlich Leben,
Mancher Nacken, mancher Busen
Mahnt an höchste Erdenlust
Uns berauschte, schwache Thoren.

Doch zu viel der süßen Reize
Schweben, schwellen uns entgegen,
Und in heißer Wollust möchte
Das gefang'ne Herz verschmachten.
Solchem Leben zu begegnen,
Müßt' allein in unsern Adern
So viel Lebensfeuer glühn,
Als die tausende durchwallet.

Sieh bei raschgeschwungnem Tacte
Wie vom Wahnsinn hingerissen
Bunte Maskenpaare hüpfen!
Das ist erst der Schritt der Freude,
Hier und dort, und auf und nieder,
Wie vom lauten Sturm getrieben,
Der im Zauberhause braust
Unter der Trompete Schmettern.

Weiße freudentrunkne Mädchen,
Arlecchine und Doctoren,
Gärtnerinnen und Bajacci,
Und der plumpe Pulcinella,
Leichte Schäfer, farb'ge Türken,
Schwarzvermummte, schlanke Feen,
Alles in Mänadenwuth,
Saturnalischem Vergnügen.

Und des eignen Lebens denk' ich,
Da voll frischer Kraft und Seele
Meiner Jugend Feuerströme
So gewaltig in mir rauschten,
Da sie alle kühn und muthig
In bacchantischer Bewegung
Schäumend sich hinabgestürzt

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