2017-07-29

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Drittes Lied (4)



Drittes Lied

Aber was am schönsten wäre,
Was am würdigsten, des Sängers
Lied ein Gegenstand zu werden,
Was es schmückte, wie ein Frühling
Mit der wunderreichsten Blüte,
Wär' es leicht nicht zu errathen?
Roms gepries'ne schöne Frauen,
Wer vernahm nicht oft von ihnen?

Wen erfreut' ich nicht, mit Feuer
Ihr begeisternd Lob beginnend?
Wüßt' ich nur, wohin die Augen
Und den Klang der Lieder richten,
Ob empor zu buntbehang'ner
Glänzender Balkone Wunder,
Ob zu jener beiden Reih'n
Miglienlangem Farbenglanze?

Ob in rasselnden Carossen
Frauenschönheit ich bewundre?
Gar zu reizend däucht mir jene,
Mit der Feder Schwanenwallung
Einer Königin zu gleichen,
Doch zu hoch dem armen Sänger,
Der im Volksgewühle treibt,
Scheint sie fast auf dem Balkone.

Wend' ich meine Blicke lieber
Albanesischen Gestalten
Trunken zu! Beim Gott der Liebe,
Schöner sind sie wohl als jene!
Welche Tracht! Der Vorwelt Weiber
Sind sie, oder gar der Fabel,
Und an solchem Busen nur
Konnt' ein groß Geschlecht entstehen.

Blumen lächeln aus der Haare
Rabendunkel, und des Schleiers
Weiße Masse senkt sich üppig
Auf ein Schulternpaar, wie Marmor,
Und aus hochgeschwelltem Tuche
Tritt ein Nacken, dessen Reize
Nur des großen Donn'rers Arm
Zu umschlingen würdig scheinet.

Und ich staune, wie versteinert
Bleib' ich stehn, der Rosse Schnauben
Und der tönenden Carossen
Und des wirbelnden Gewühles
Wenig achtend. Sieh', es fliegen
Blumensträuß' ihr zu, und alles
Wildgedrängte Volk umher
Trifft ein ew'ger Zuckerregen.

Doch ich fühle mich ergriffen
Und von sanfter Hand geschlagen.
Welch ein Schalk du bist, o Amor!
Eine Schaar der schönsten Kinder
Schäkert um mich her; willkommen!
Rufen ihre süßen Stimmen,
Und beim Namen nennt man mich,
Nicht beim Namen, einen Dichter!

Kaum bin ich bei mir, so sind sie
Lachend im Gewühl verschwunden,
Wer sie sind, was weiß der Sänger?
Halb geneckt und halb geschmeichelt
Drängt er weiter, läßt sich drängen,
Immer Lieblicherm begegnend,
Wird er hundert Masken gram,
Die das Lieblichste verbergen.

Holde, junge Gärtnerinnen
Reichen Veilchen aus den Körben,
Und die breite Arlecchina
Fliegt mit Schellenklang vorüber!
Wie das weiße Hemdchen jene,
Wie die Busenschärpe kleidet!
Bleibe fern! Nimm dich in Acht,
Ihre Scheeren sind gefährlich!

Wie sie jauchzen, wie sie schrillen,
Wie sie schäkern, wie sie rennen,
Wie sie grüßen und verschwinden!
Wärst du häßlich, o so fliehe,
Alle sagen dir's, und Spiegel
Halten sie dir vor die Augen,
Bist du leidlich und gewandt,
Nun so kannst du viel gewinnen.

Rasch dein Glück versucht! Die Stunde
Kehrt nicht wieder! Sinkt die Maske,
Sieht vielleicht ein liebend Auge
Hell dich an! Im Scherze bildet
Ernstes sich, doch bleibe weise,
Denn dem Scherz folgt oft die Trauer;
Kränze, die man Bräuten flicht,
Ruhen oft auf ihren Särgen.

Und wer möchte mir's verübeln,
Wenn ich meines Lebens denke,
Jener Zeit, da mir im Herzen,
Solch ein Liebessehnen glühte,
Da in tiefbewegter Seele
Mir die künftige Geliebte
So unsäglich schön erstand,
Als die Herrlichste des Festes!

Da so viele mich umschwärmten,
Rasch an mir vorüberflohen,
Und die eine, die ich träumte,
Mir so unerreichbar dünkte,
Da ich ungeduldig suchte,
Nicht bedenkend, daß die frohen
Kränze, die man Bräuten flicht,
Oft auf ihren Särgen ruhen.

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