2017-07-29

W. Waiblinger: Gedichte des römischen Karnevals: Olevano: Viertes Lied (14)



Viertes Lied

Eine Stunde des Tages aber weiht' ich
Dir, o Loggia! Des Morgens, wenn die Sonne 
Aus den Hernikerfelsen, überm kahlen
Sanft umdufteten Haupte des Serone 
Sich erhüb', und die Purpurflamme glühend
Um Olevano's Häuserpyramide
Höh're Schönheit ergösse, säß ich längst schon
Auf des Hauses Balkon, an dem das Weinlaub
Schwellend volle Gewinde hoch emporrankt,
Ueberquellend vom Geist des Freudengottes
Schon die Traube dem süßen Lichte zulacht,
Wo in mächtigen Blättern aus der Mauer
Mit der reifenden Frucht die Feige vorgrünt,
Saftig schon die Citrone lacht, die goldne,
Die Melon' ihr Gewächs zur Erde senket,
Und zur Seite der einsamen Cypresse,
Aus dem Busche die Goldcitrone blinket.
Helle säh' ich die wind'gen Schlösser blinken,
Sähe Rocca di Cavi, morgenheiter
Der Capranica Burg, Kastanienhügel 
Führten nun mir den Blick in der Campagna
Bunte, schimmernde Gründe weit zur Ferne,
Bis wo durch die Elysiumshaine Cavi's
Palestrina der Schattenpfad sich nähert, 
Zu der Volsker Gebirge, Cavignano,
Bis zur Scurcola und Anagni's Tempe.

Und die volle Erinn'rung schweifte manchmal
In mein Latium hin, das ewig theure,
Zu den Hainen Albano's, zu Gandolfo's
Klarem, erlenbekränzten See, zu Nemi's
Altem, dunkeln Dianenwald, Genzano's
Meeresaussicht, und zu des Monte Cavo,
Weltbeherrschenden Haupt, wo oft mein Auge
Von Oreste, von Tibur's Paradiese 
Das unendliche Meer bis zu der Circe
Fernem, bläulichen Vorgebirg', hinunter
Zu Parthenope's Zauberinseln schaute,
Schweifte gerne zum rebenvollen Hügel,
Wo die Stadt der Lavinia, fabelheilig,
Drei Jahrtausende bald sich schon im Lichte
Des hesperischen Himmels sonnt; sie schweifte
Nach des ewigen Frühlings Wollusthainen,
Frascatanischen Gärten zu, und bliebe
Träumend stehn an der Einzigen, der Hehren,
Unaussprechlich Erhab'nen, deren Kuppeln
Aus der Schwermuth und Oede der Campagna
Einsam ragen und doch die Welt beherrschten.

Einst auch so auf dem Hausbalkone saß ich,
Unstät irrte mein Auge von dem Maulthier,
Das den Bergpfad herauf der träge Führer
Der rothwammsige, nach des Thores grauer
Wölbung führte, hinweg in weite Fernen:
Lange mocht' ich wohl so hinüberschauen,
Den Gedanken folgend, die gleich den Wolken
Manchmal über die schöne Erde schweben,
Und im fliegenden Wechsel bald verwehen,
Als mein Blick nach Olevano's Terrassen
Aus der Ferne zumal sich kehrt; und siehe,
Drüben, wo sich am Fels das Dorf emporhebt,
Da gewahr' ich auf hoher Loggia schöne,
Farb'ge Frauengestalten, eine aber
Ragt vor allen hervor an Wuchs und Hoheit
Und an Jugend, an reicher Tracht und Kleidung.
Weiß, in reizendem Faltenwurf erglänzt das
Busentuch, um den Nacken sanft sich wölbend;
Albanesische Sitte, weiß der Schleier,
Blendend weiß das Gewand auch, Rosenbänder
Und viel andere zieren Brust und Arme,
Groß und königlich anzuschauen ist sie,
Dienerinnen nur dünken mir die andern;
Nieder aber von des Balkones Höhe,
All die schönen Olivenhaine, die den
Fuß des Felsens mit Silbergrün bedecken,
All die Fülle der Feigen und Kastanien
Und die farbigen Gründe der Campagna
Ueberblickte sie, zu der Volsker fernen,
Violetten Gebirgen dann sich wendend.
Und mir däuchte – warum? ich wüßt' es deutlich
Nicht zu sagen – ein Weib aus grauen Zeiten
Aus homerischer Welt zu schauen, sei es
Nun Andromache, die von Priams Beste
Ueber Ilion's Eb'ne blickt, wo Hektor
Mit den Danaern kämpft, sei es die schöne
Königstochter Antigone, die ängstlich
Mit der Sklavinnen Schaar von Thebens Mauern
Niedersieht in das Feld, wo sich der Sieben
Waffenglänzendes Heer zum Sturme nähert.
Also königlich war sie anzuschauen,
Jene Frauengestalt im weißen Schleier,
Und im weißen Gewand und Busentuche;
Nur ein Punkt in der weiten Felsenlandschaft,
Schien sie doch mir die Herrin all des Landes.

Einsmals blickte sie auch zu mir herüber,
Und in düsterer Träume Nebel senkte
Sich die Seele mir ein. Da schlich Cechino,
Mein Begleiter zuweilen durch die Berge,
Sich heraus, und die Schulter mir berührend,
Weckt' er mich aus dem Traum. »Siehst du hinüber,«
Fragt' er lachend, »wo auf der hohen Loggia –«
Nein, erwidert' ich, rasch empor mich hebend,
Eben däuchte mir, daß sich über'm Monte
Artemisio vom Meer her ein Gewitter 
Nahen wird, und so laß uns eilig vorher,
Eh' es kommt, auf die Serpentara wandern. 

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