12.08.2017

Als der Frühling lange nicht kommen wollte (4)



 Als der Frühling lange nicht kommen wollte

Immer stehen schmucklos, öd und kahl
Meine Berge noch, mein liebes Tal;
Eisig fährt des Winters kalter Hauch
Durch das Land und durch das Herz mir auch,
Macht erstarren drin des Liebes Quell,
Glühend in der Tiefe längst schon heiß und hell
Und bereit, ans Licht heraus zu springen,
Liebe Grüße Dir, oh Mai, zu bringen.
Sag, O sag wo weilest Du so lang?
Fühlst Du nicht wie sonst in Dir den süßen Drang,
Heimzukehren in die alte Heimat wieder
Mitzubringen Blumen, Blüten, Lieber?
Wie das Sehnsuchtsbange Mädchen sich
Oft vom Söller nach dem Tale neiget,
Wenn von der Ferne der Geliebte sich
Zur gewohnten Stunde noch nicht zeiget,
Also schau ich von den Bergen oft nach Dir,
Rufe: oh Geliebter, komm, erscheine mir!
Kommen mit Deiner Pracht, mit Deiner Schöne,
Leihe meinen Saiten neue, süße Töne,
Macht den Quell der Lieder wieder rauschen!
Ach so viele sind's, die auf Dich lauschen,
Die nach langer, kalter Winternacht
Fragen, ob der holde Schläfer nicht erwacht?
Schau, gesenkten Halses steht der Hirsch im Wald,
Sucht sich Futter unterm Schnee so kalt,
Schaut verlangend durch die dürren Zweige,
Ob der liebe Gast sich noch nicht zeige;
Und nach grünen Kräutern, frischen Klee
Scharrt im welken Laub das schlanke Reh,
Und die Tannen, Buchen, Eichenbäume
Fragen mich, wie lang der Mail noch säume,
Strecken ihren nackten Zweige nach ihm hin,
Bitten um den Schmuck der Blätter grün,
Und die Vöglein drunter zwitschern, schlagen
Ihre kleinen, leichten Flügel, fragen
Ungeduldig, Tag für Tag,
Wann der Mai wohl kommen mag?
Hörst Du nicht dieses sehnende Verlangen,
Fühlst Du nicht dies Hoffen, Harren, Bangen,
Widersteht Du länger dieser liebenden Gewalt,
Holder Mai? o nein, du kommest bald.

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