05.08.2017

Felix Dahn: Das Lied vom Sturm (6)



Das Lied vom Sturm

Sprecht, kennt ihr den Streiter
Im schwarzen Gewand?
Den rasenden Reiter
Durch Meer und durch Land?

Fern in der Sachara,
Auf glühendem Sand,
Da wird er gezeuget
Von Licht und von Brand,
Er schwingt, noch ein Knabe,
Im Spiele die Fahne:
Doch wehe dir, holt er dich ein, Karawane!
Wohl recken die klugen Kamele die Ohren,
Wohl sauset der Hengst unter blutenden Sporen!
Vergebens: da ist er! Verloren! Verloren!
Auf das Antlitz stürzt, was da lebet, nieder:
Und er fliegt drüber hin – nie erstehn sie wieder.


Schon naht er, ein Jüngling,
Dem schlummernden Meer:

Da fährt er mit triefenden Locken daher,
Und bohret und wühlt in die ewigen Tiefen,
Wo die Perlen in nachtgrünem Dunkel schliefen,
Und er wölbet die Wasser zu türmenden Bogen,
Und er wirft an die Wolken die Kränze der Wogen,
Ihm erbebet Gibraltar, das Felsenriff:
Doch erschaut er das feste, das trotzige Schiff,
Da frohlockt er in gellendem, jubelndem Pfiff;
Und er faßt es und hält es und hebt es nach oben,
Ein Freier in rasendem Liebestoben,
Und zerreißet die Anker und wendet die Last,
Den Kiel zu den Sternen, zum Abgrund den Mast.

Nun zieht er, ein Mann, stark, verderblich und schön,
Schwarzwolkig herauf über Spaniens Höh'n:
Wie ein Adler die mächtigen Flügel gespannt,
Wiegt lang er sich schwebend hoch ob dem Land,
Bis daß aus dem blühenden Kranze der Städte
Er sein Opfer erkor, das kein Gott mehr errette. –
Wie prangt die bezinnte, die stolze Granade,
Das edle Gebild langpflegender Zeit,
In freudiger Kraft und Sicherheit.
Da horch, was donnert herab die Nevade?
Felstrümmer und Eichen und dampfenden Schnee
Wälzt dicht er voran auf dem tosenden Pfade: –
O wehe dir, Stadt der Paläste, weh!

Das umerkerte Schloß, die gewölbte Moschee,
Das Tor von Granit, das der Römer gebaut,
Die Türme, von denen der Maure geschaut,
O wehe dir, Stadt der Alhambra, weh! –
Sie rühren in bangem Gebete die Glocke, –
Da ergrimmt er und schleudert die Feuerflocke,
Den Blitz, aus seiner nie fehlenden Hand:
Und über die Dächer in rotem Gewand
Hin flattert sein schrecklicher Knappe, der Brand: –
Und siegreich aus der eroberten Stadt
Zieht nordwärts der Held, des Zerstörens satt.

So kömmt er gesänftigt ins deutsche Land
Und Segen verstreut er aus warmer Hand.
Er wandelt hinauf den geschlungenen Rhein,
Da erblühen die Mandeln, da duftet der Wein.
Der wilde Araber, der tödliche Schnitter,
Wie ist er verwandelt zum höfischen Ritter!
Und trifft er die Lilie, so wendet er sich
Und läßt sie verblühen so klösterlich.
Doch trifft er in hütenden Laubwerks Schoße
Die junge, die enge, die knospende Rose, –
Da stockt, der die Welt hat durchtobet in Eile,
Da stockt ihm der Atem vor Lust eine Weile,
Und tief holt er aus und versammelt die Kraft
Und wirbt um die Knospe dämonenhaft.
Horch, von seiner Heimat Wunderdingen
Wie weiß er ihr liebliche Märchen zu singen:
Von schöneren Sternen, von Zedern und Palmen,
Von Kolibrischiller in Blütenhalmen. –
Doch wenn er dann anhebt von ihrer Schöne,
Wie den Stolzesten sie nur des Stolzes entwöhne,
Und wie er nach ihr, nach ihr allein
Durchstürme die Erde mit suchender Pein,
Wie sie nur, ja sie nur die Stirn ihm bekröne,
Da unwiderstehlich erklingen die Töne –
So schmeichelnd, so flehend, so stark und so leise: –
Da öffnet in selig erglühender Lust
Die Knospe die wogende, schwellende Brust:
Auf schließt sie die eng umgürteten Kreise
Und haucht in die wellende Maienluft
Den ersten, den süßesten Rosenduft: –
Den trinkt er in sich bis zum innersten Kerne
Und trägt ihn mit sich in unendliche Ferne.




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