05.08.2017

Felix Dahn: Der Erdgeist und das Mädchen-1 (9)

Felix Dahn


Der Erdgeist und das Mädchen

1.

Oftmals ging die weiße Mila,
Mila mit den roten Locken,
In das dunkle Waldgebirge,
Wo des Erdgeists Höhle lag.

Und sie kränzt die roten Locken
Mit den blauen Glockenblumen,
Und sie streckt die weißen Arme
Schimmernd nach der Felsschlucht aus.

»Erdgeist,« ruft sie spottend, »lieber,
Dunkler, feuerschöner Erdgeist,
Komm hervor und laß dich schauen:
Denn mein Herz verlangt nach dir.«

Und dann braust es in den Schlünden
Und dann zuckt es in den Felsen
Und dann grollt es in den Tiefen,
Dampf und Funken steigen auf.

Und der Geist rief aus dem Berge:
»Kind, laß ab, mich zu verspotten,
Kind, laß ab, mich aufzureizen,
Denn du quälst mich freventlich.

Sieh, es zucket in den Felsen,
Weil dein Ruf mein Mark durchdringet,
Und es sprühen rote Funken,
Weil dein Bild mein Herz entflammt.

Zittre, wenn ich, deinem Rufe
Folgend, aus der Tiefe steige:
Ich zerstöre, was ich liebe
Und mein Kuß ist Flammentod.«

Doch es lacht die weiße Mila
Und sie schüttelt keck die Locken:
»Also ich, das kleine Mädchen,
Quäle dich, den mächt'gen Geist?

Erdgeist, sieh, das eben freut mich!
Zucke nur, und glüh' und leide! –
Und es lüstet mich auch sehnlich,
Und es reizt mich, dich zu schau'n.

Und nicht fürcht' ich deine Flammen,
Weil mich weise Mönche lehrten,
Augenblicks mußt du erliegen
Vor dem einen Wörtlein: – 'Kreuz.'

Sieh, schon ruht der Felsen Zucken,
Es versiegen Dampf und Funken
Und in Ohnmacht sinkt dein Toben,
Weil ich nur dies Wörtlein sprach.«

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