2017-08-05

Felix Dahn: Gedichte- Das Haus der drei Schönen 1 (3)



Das Haus der drei Schönen

1.

In dem Jahre siebzehnhundert,
Vierundzwanzig Jahre zählend,
Ausstudiert zu Salamanca
Hat Alfonso de Vidal. –

Oheims Muntschaft ist zu Ende:
Und zurück ins Schloß der Väter
An dem blauen Manzanares
Kehrt er als sein eigner Herr.

Aber vor dem Scheiden will er
Noch das Abenteuer krönen,
Das geheimnisvoll schon lang' ihm
Aus dem »Haus der Schönen« winkt.

»Haus der Schönen« heißt die Villa,
Lauschend in Granatenbüschen,
Daran täglich die Studenten
Gehn vorüber ins Kolleg.

»Haus der Dreie«: denn es wohnen –
Die Studenten wissen's! – drinnen
Eine Tante und zwei Nichten: –
Alle drei bezaubernd schön!

Donna Laura heißt die Tante:
Junge Witwe, feurig, üppig,
Schwarzgelockt: daß sie zu mager, –
Selbst der Neid behauptet's nicht.

Braune Zöpfe trägt Ximene,
Rote Flechten Donna Sancha:
Ob die Tante, ob die Nichten,
Welche Nichte schöner sei, –

Zwei Gemester disputierten
Die Studenten Salamancas
Eifriger um diese Frage,
Als um Aristoteles.

Und so oft Alfons vorüber
Schritt den grünen Gitterläden,
War es Morgens, war es Abends, –
Eine Blume glitt herab.

(Daran war nun nichts Besondres:
Weil Alfonso, wie wir sehen
Werden, wie in anderm Muster,
Schön von Wuchs und Antlitz war.)

Aber welche von den dreien
Lohnt den fleißigen Studenten
So für seinen Fleiß alltäglich?
Dies ergründen muß Alfons.

Und er nimmt die treue Zither –
(Denn auch musikalisch war er,
Dieser reichbegabte Jüngling)
Und er singt im Mondenschein:

»Edle Donna, übermorgen
Muß ich ziehn aus Salamanca:
Darf ich morgen nacht es wagen, –
Eine Blume wirf herab!«

Und bevor der Ton verhallt ist,
Sieh, schon öffnen sich drei Lädchen,
Und es sinken ihm zu Füßen
Wunderschöner Blumen drei.

Eine rabenschwarze Malve:
»Das ist von der Tante Laura!«
Eine dunkelbraune Nelke:
»Von Ximene dies, dem Bräunchen!«

Rotes Röslein: »Sancha rot!«
Schwer betroffen steht der Jüngling!
»Alle drei? Wie soll das werden?«
Auf den Hut steckt er die Malve,
An das Wams die Nelke braun!

Doch wie er die rote Rose
Mit der Hand führt an die Nase,
Sieh, aus schmaler Mauerritze
Eine vierte Blume fällt.

Eine kleine, weiße Blüte:
Niemals sah er ihresgleichen,
Und ein Duft entströmt der weißen,
Wie er niemals ihn genoß.

An den Hut steckt zu der Malve
Er die Rose: nur der weißen
Blüte Duft verlangt er sehnlich,
Die er hält in seiner Hand.

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