2017-08-05

Felix Dahn: Gedichte- Das Haus der drei Schönen 2 (4)



2.

In der nächsten Nacht im runden
Saale steht des ersten Stockwerks
Don Alfons, die seidne Leiter
Zieht er nach auf den Balkon.

(Nun darf das euch nicht befremden,
Daß er solch ein Werkzeug hatte:
Dies gehört in Salamanca
Nun einmal zum Studium.)

Sieh, drei Schlafgemächer münden
Mit den Türen in den Rundsaal,
Nur ein Vorhang deckt die Öffnung,
Welche zu der Treppe führt.

Aus der Osttür tritt in roten
Flechten Sancha: – doch der Vorhang
Wallt so seltsam: – er verscheucht sie.
Auf die Schwelle nun im West

Schwebt die bräunliche Ximene:
Doch ein weißes Füßlein streckt sich
Schüchtern unterm Vorhang in den
Rundsaal, und Ximene flieht.

Aus der Südtür stürmt da glühend
Im Gewog der schwarzen Locken
Tante Laura: besser als die
Mädchen weiß sie, was sie will.

Mag der Vorhang wehn, das Füßlein
Kecker auf der Schwelle spielen,
Sie erschließt ihm weit die Arme:
» Aber Tante! « tönet da

Aus dem Vorhang süß ein Stimmlein
Und die Tante flüchtet zürnend.
Aber aus dem Vorhang schwebt nun
In den Saal ein Zaubertraum:

Ganz gehüllt in weiße Schleier,
Schwebt ein Kind von fünfzehn Lenzen,
Schlank und schmal und zart und zaghaft,
Wie ein frommes Heil'genbild.

Lichte goldne Locken fluten
Auf den kaum entknospten Busen,
Und Madonnenaugen schlägt sie
Schämig zu dem Jüngling auf.

Dieser sinkt aufs Knie vor Staunen,
Süße Glut durchrinnt ihn leise:
»Sprich, wer bist du? Und wie heißt du?«
»Ach, Maria bin ich nur,

Bin das Bäslein aus Asturien.
Tante haben und Kusinen
Immer mich versteckt gehalten,
Wohl weil sie sich schämten mein.

Wann sie aus den Läden grüßten
Alle Herrn von Salamanca,
Ich – aus meiner Mauerritze –
Sah verstohlen nur nach Euch!

In den Bergen von Asturien
Lernt' ich Künste nicht, noch Feinheit,
Und ich weiß nicht viel zu sagen –:
Doch ich sterbe, scheidest du!«

Auf vom Boden sprang Alfonso,
An die Brust riß er die Blonde:
»O, Maria! Weiße Blume!
Ewig, ewig bist du mein!«

Und herab die seidne Leiter
Trug er die verschämte Kleine,
Und er hob sie auf sein Rößlein
Im Gebüsche von Jasmin.

»Ach, wohin, wohin, Geliebter?«
»Auf mein Schloß am Manzanares!«
Doch am Kloster in der Vorstadt
Hielt er an. Nun sagt: weshalb?

Er hielt an vor jenem Kloster,
Um sich schleunigst traun zu lassen,
Weil er nicht nur musikalisch,
Sondern auch moralisch war.

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