05.08.2017

Felix Dahn: Gedichte- Der Erdgeist und das Mädchen-2 (10)



2.

Süß die Lindendüfte hauchten,
Heiß die Nachtigallen schlugen
Durch die dunkle, liebesschwüle,
Liebestrunkne Sommernacht.

Neckend halb und halb in Sehnsucht
Flüstert an den Fels geschmieget
Mila leise Liebesworte
Und ihr Busen wogt und wallt:

»Steig' empor doch, dunkler Erdgeist!
Mächtig sehnt mich's, dich zu schauen:
Zucken fühl' ich deine Felsen,
Funken sprühst du wie noch nie.

Mich verdrießt der matten Herzen,
Die mich frei'n, der Erdenknaben:
Steig' empor, denn meine Seele
Ahnet dich als artverwandt.«

Da erkracht im Grund die Erde
Und aus urwelttiefem Schoße
Steigt in Glut und Pracht und Lohe
Schrecklich schön der Gott empor:

Auf dem Haupt die Feuerkrone,
Auf den Schultern schwarze Locken:
Göttlich traurig sind die Augen
Und doch jeder Blick ein Blitz.

Stolz und still und majestätisch
Breitet weit er aus die Arme
Und ein Flammenpurpurmantel
Flutet herrlich um ihn her.

Da vergißt der Priesterweisheit
Und des Rettungswörtleins Mila,
Und nur ein Wort kann sie denken,
Kann sie flüstern: »O wie schön!«

Und in seine Arme sinkt sie,
Weiße Glut steigt auf und schweigend,
Triumphierend in die Tiefe
Trägt der Erdgeist seine Braut.

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