06.08.2017

Felix Dahn: Gedichte- Der Räuber (12)



Der Räuber

Heut' am Vogelherde saß ich,
Wo der Buchwald streift ans Feld:
Doch des Vogelfangs vergaß ich,
Sah verträumt ins Himmelszelt.

Hoch in Wolken kreist er wieder,
Jener Räuber kühn und klug,
Stark von Fängen und Gefieder,
Scharf von Auge, stolz von Flug.

Jener Bussard, schrill erkreischend,
Rittelnd bald an gleichem Ort,
Lüstern spähend, Beute heischend,
All' sein Sehnen Raub und Mord:

Bald im Flugspiel Bogen ziehend,
Reglos, schweigend, schattenhaft,
Fallend, steigend, nahend, fliehend,
Stolz und froh der Schwingen Kraft.

Bussard, frei wie du ist keiner,
Und, gleich dir im Lüftereich,
Flog auf Erden nur noch einer
Hoch zu Roß: der Wüstenscheich!

Ja, du mahnst mich, kühner Vogel,
An den Scheich, braun, rasch und keck,
Der von Karmels hohem Kogel
Niederstieß, der Franken Schreck. –

Höre nun, du schriller Schreier,
Kreisend hoch im Bogenring,
Höre nun, du Taubengeier,
Wie's dem Mädchengeier ging.

Doch: dort meinem Lockfinkweibe
Bleibe fern, bleibst gern du heil:
Eisen fliegt dir sonst zu Leibe: –
Auf der Sehne liegt mein Pfeil. –

Höre nun! – Auf schnellstem Rosse,
Unhaschbar, der Otter gleich,
Glitt durch unsre Speergeschosse
Nahend, fliehend Ali Scheich.

Von der Seite, wie dem Täuber
Du die Turteltaube reiß'st,
So durchbrach der kühne Räuber,
Der sie nächtelang umkreist,

Jede Pilgerkarawane,
Die mit Frau'n gen Zion ging:
Aus dem Schatten unsrer Fahne
Stets das schönste Weib er sing.

Und bevor den Sporn nur spürte
Unser schwerer Friesenhengst,
Durch die Wüste die Entführte
Trug das Roß des Räubers längst.

Esmeralda de Rivalta,
Gabriele Lusignan,
Bellaflor de Vallecalta,
So der freche Feind gewann. –

Doch als Irmengard von Schwaben
Nahm das Kreuz des Pilgerkleids,
Da erbat, statt Ehrengaben,
Ich das Recht mir des Geleits. –

Tag für Tag nun durft' ich traben,
Von Damask bis Askalon,
Neben Irmengard von Schwaben: –
Das war meiner Kreuzfahrt Lohn.

Nächtens schlugen wir die Zelte,
Daß die Herzogtochter schlief, –
Löwe brüllte, Schakal bellte,
Doch die Herrin ruhte tief:

Bangensfrei –: sie wußte, Walther
Mit dem Speer hielt draußen Wacht. –
Manches Lied aus deutschem Psalter
Klang in blaue Wüstennacht.

Sterne glänzten, Sterne schossen,
Palmenwipfel wogten leis,
Und um Mensch und Tiere flossen
Wüstendünste schwer und heiß.

Schlaf floß allbezwingend nieder,
Selbst die Lagerwache schlief:
Langgestreckt im Sand die Glieder
Schnauften die Kamele tief. –

Plötzlich naht's mit Windeseile: –
Straußenlauf? Gazellenschritt?
Leis und rasch wie Todespfeile,
Kaum du, Bussard, flögest mit.

Unerwacht, durchbohrt, vom Rosse
Sinkt der Lagerwächter rot:
Ringsum Säbel und Geschosse,
Dunkle Reiter und der Tod.

Vor mir hält ein Pferd: da gleitet's
Panthergleich vom Sattel sacht,
An die Zelttür kauernd schreitet's: –
»Stirb, denn hier hält Walther Wacht!«

Rief's und tief den Speer vergrub ich
In des Scheichs goldbrünn'ge Brust,
Laut den Siegesschrei erhub ich
Und wir schlugen sie mit Lust:

Folgten eine gute Weil' noch – – –
Halt, Herr Bussard, du warst schnell, –
Aber schneller war mein Pfeil noch –:
Tot nun liegst du, Raubgesell',

Bei der Finkin, brustdurchschossen!
Liebe Finkin, bange nicht:
Eh' dich grimm sein Fang umschlossen,
Traf ihn Walthers Strafgericht.

Zwitschernd nun, mein Ohr zu laben,
Singst du leise, dankend schier?
So hat Irmengard von Schwaben
Dankend auch geflüstert mir.

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