2017-08-11

Fünftes Lied (5)



Fünftes Lied

Wie wenn der lezte Wintersturm
Noch eine Nacht mit Sausen,
Mit Schnee und Hagel, fürchterlich
Durchwütete; dann schnell entwich,
Auf fernem Gebürge zu brausen:
Der erste göldne Frühlingstag,
Der lauschend hinter Wolken lag,
Steigt freundlich nun hernieder;
Sein Athem, balsamirt und lau,
Sein Morgenglanz, sein Abendthau,
Belebt die Fluren wieder:
So weicht von uns des Krieges Wuth;
Verronnen ist das Römerblut,
Und froher als der Lenz,
Mit seinem Reiz und seiner Sonne,
Erquicket uns des Sieges ganze Wonne!
Nun kehrt die Freude wieder;
Nun steigt der Ruhm hernieder
Und jauchzt durch alle Welt:
Nun eilt, gesandt von Teuts und Manas Thronen,
Die Freiheit, um zu wohnen
Wo man sie heilig hält!
Ruhe folgt dem Streite:
Nehmt die Schwerter der Beute,
Heftet die Klingen den Pflügen an,
Und spannt die gefangenen Roße daran;
Bis satter Überfluß
Von allen Feldern winkt;
Indeß aus reingebleichten Schädeln
Ihr diesen feuervollen edeln
Erbeuteten Falerner trinkt.
So müßen sie alle verderben,
Die unsrer Freiheit drohn!
So müßen sie fallen, so sterben,
So schlage Tod und Hohn
Ihre stolzen Schädel zu Scherben!
Triumph, die Schmach ist gerochen,
Errungen ist der Sieg;
Die Kette, Triumph! zerbrochen:
Das war ein göttlicher Krieg!
Triumph, Triumph! so donnre
Der Ruf, ihr kaum Entronn'nen,
Auf eurer Flucht euch nach.
Triumph, Triumph! verkündet's;
Wir kommen bald mit Herman,
Dem Schrecklichen, euch nach!
Und theilen, endlich am Ziel,
Dort im Orangeschatten,
Durchs Loos eure Kinder und Gatten,
Und eure Städt' im Spiel.
Itzt aber, matt vom Streite,
Gesättiget von Beute,
Läßt euch der Sieger ziehn.
Der Falk im ersten Hunger
Zerriß vom Rabenneste
Nur drey, und ließ die andern fliehn.
So fliehet nur, doch saget's an;
Dieß, Römer, haben wir gethan!
Wir sahen euer Kriegesglück.
Es kam: da riefen wir, zurück! –
O welche Schmach von Ketten schwer!
Ha, welche Knechtschaft rings umher!
Noch dampft Karthagos letzte Glut;
Schon lernt Iberiens Heldenmuth
Sich zahm an euer Joch gewöhnen;
Selbst der in kluger Flucht
Furchtbare Parther sucht
Euch wieder zu versöhnen.
Auch läßt der falsche Gallier
(: Zwar Nachbar, aber Freund nicht mehr:)
Die euch bekannte Keule fallen:
Wir aber, von ihm verrathen, von allen
Verlaßen, wir zerbrachen doch
Dieß uns schon angelegte Joch:
Wir streuten Römerblut aufs Feld,
Und Römerschande durch die Welt.
Triumph! Noch eins, ihr Brüder,
Triumph sey unser Ruf.
Schlagt Hand in Hand ihr Brüder,
Denn, Heil uns! wir sind wieder
Frey, wie uns Thuisko schuf.
Singt Lobgesänge den Göttern,
Bringt Opfer und Dank den Rettern,
Betet die Geber des Sieges an:
Dieß Heil ist ihre Sache;
Held Herman hat die Rache
Aus ihrer Hand empfahn.
Kommt, ihr frommen Druiden,
Theilt mit uns den Gewinn!
Kommt doch, heilge Mädgen,
Nehmt die Gefangenen hin,
Ihr Runen, des Sieges Bürgen;
Vergiest ihr Herzensblut,
Eh die Opfer sich würgen
Mit ihren Ketten, in ihrer Schande Wuth!
In des Eichwalds Mitte
Prange dieses Adlerpaar.
Ha, daß uns der göldne dritte
So verschwunden war!
Schwingt er sich nicht bald
Aus dem Sumpf hervor;
O so fliegt er warlich
Jenen Schatten vor,
Die vor unserm Grimm dahin
Im Gedränge zur Hölle fliehn.
Ha, nun tanze Veleda, tanze
Göttliche Siegesbürgin
In meinen Jubelgesang.
Horch, wie feyert die Harfe?
Wie tönt in ihre Saiten
Dir alles Volkes Dank?
O sing' uns deiner Weisheit Lieder
Noch oft so glückverkündend wieder;
Bis Rom der Wahrheit Werth ermißt,
Daß dein Geschlecht den Göttern heilig ist.
Aber nächst den Göttern haben
Helden ihren Rang.
Nächst den guten Göttern sagen
Wir dem Helden Herman Dank.
Heil des fürstlichen Mannes Tagen,
Und stäter Ruhm, und ewiger Bardengesang!
Ein Gott ists, der dem Sieger
Das Leben gab:
Drum stürmt sein Ruhm in die Himmel,
Und überhüpft das Grab.
Mit allgewaltgem Flügel
Bahnt seinen Weg Unsterblichkeit;
Sie trägt vor seinem Fluge
Den Schild der Ehre, hoch und breit.
Wie schimmern da die Namen
Der Brudervölker, die so schön
Mit dunkelrothem Römerblute
In diesen Schild gezeichnet stehn!
Heil euch, Cherusker! Hehr und theuer
Ist euer Nam' ein Lobgedicht.
Herman, Herman ist euer:
Mehr Ruhms bedarf es nicht!
Der goldgefärbte Mistel
War nie Gewächs der niedern Distel:
Die Eiche, die den Göttern heilig ist,
Zeugt ihn aus Thaue, der vom Himmel fließt.
Heil dir, du starker Schild-Zerbrecher,
An Menge nicht, an Muth furchtbarer Langobarth,
Der, seiner eignen Freiheit Rächer,
Auch unsrer Freiheit Retter ward!
Dich möge Thuiskon ehren;
Dich Heldenstamm vermehren,
Daß er, wie sich ein Strom ergeußt,
Dereinst das Römerland durchfleußt!
Wie jauchzt nun voller Freuden
Der Katte mit dem kühnen Herz!
Des Vaterlandes Leiden,
(: Segnet ihn, ihr Götter!:)
War sein größter Schmerz;
Trug einen Ring von Eisen
Zum Zeichen bittrer Schaam;
Ließ traurig sich das Haupthaar,
Den Bart sich traurig wachsen,
Bis daß er Rache nahm.
Triumph, er ist gerochen!
Er hat den Ring zerbrochen,
Er schneidet ab das wilde Haar,
Worin sein Antliz schrecklich war.
Berüchtigt ist der Tenkter,
Berühmt das Roß auf dem er ficht;
Denn kriegrischer und schneller
Sind diese Fremdlingsroße nicht.
Vergebens, daß ihr Römer
Geschwind wie Schwalben floht:
Er rannte mit den Schnellsten
Blutwettend um den Tod;
Warf ab die Sklavenkette,
Gelangt' ans Ziel, voll Muth:
Und da gewann er die Wette
Bezahlt mit euerm Blut.
Auch kam gereizt und racheschnaubend
Der edle Kauz herzu.
Zwar, wie der satte Bär im Winter,
Lag er schon längst in süßer Ruh:
Doch ist dem Schlummer nicht zu trauen;
Weh dem, der ihn unehrerbietig weckt!
Bald fühlt er seine Klauen,
Hin in den blutgen Schnee gestreckt.
Dann kehrt der Überwinder wieder,
Und sinkt zu süßerm Schlummer nieder,
Und wirft des siegenden Zorns Gewinn
Den heißen Rachen der Wölfe,
Den hungerbellenden Füchsen hin.
Doch wie mit buntem Fell gezieret
Der schöne Luchs einherstolzieret,
Troz seiner Sanftheit eitel List
Und grausam und unbändig ist;
So zog der tapfre Schweve fürder,
Geputzt zu Treffen und Gefahr,
Mit seinen buntgemalten Waffen
Und künstlich aufgeknüpftem Haar;
Und ward vom Feinde fast verachtet
Weil er kein Schrecken droht:
Doch in der Asche lag Feuer,
Und unter Blumen war Tod. –
Unsterblichkeit! Wie strahlt dein Schild
Mit all den großen teutschen Namen
Ganz überfüllt!
Wie hold schmückt unser Eichenkranz
Der falben wehenden Locken Glanz!
So fleug dann glorreich auf,
Und wende dein Gesicht
Auf niedrige Segeste nicht! –
Sprach ich Segest? – Wie ist mir dann?
War nicht Segest einmal ein Mann? –
Segest! – ach daß ich dich muß nennen!
Ach daß dich wird die Nachwelt kennen!
»Thusneldens Vater war Segest;
Sein Eidam, Herman der Sieger;
Er selber aber fröhnte Rom,
Und ward ein Knecht und ein Betrüger.« –
Unseliger! Von Sohn zu Sohn
Ruft dieß Gerücht, und spricht dir Hohn.
Du aber trotz' auf Sklavensinn,
Stirb einst in Königsstolz dahin;
Sey du nicht deines Sohnes Trauer,
Dein Grab sey wüst, und dein Gedächtniß Schauer!
So fleug Unsterblichkeit gen Himmel:
Dein breiter strahlender Schild
Ist ja mit beßern Namen
Ganz überfüllt.
Ihr nach, ihr nach! Ihr Sieger, hebt
Hebt euern Barden auf einen Hügel
Von Römerleichen! Es bebt
Mein Herz von neuen Dingen!
Der Begeistrung Schauer schwebt
Mit mir auf mächtigen Schwingen!
Schon murrt der Sturm tief unter mir:
Wohin, wohin? In welch Refier?
Ha! welch ein Blick in Weiten
Noch ungeborner Zeiten!
Ich höre fremde Waffen streiten,
Und, Götter, habe Rom erblickt,
Von eigner Last zu Boden gedrückt! – –
So sinke! stürze! liege da!
Welch Getümmel! Teutsche Keulen
Zerschmettern dir den Schädel. Ha!
Wie umher die Schwerter eilen;
Unsrer Enkel Schwerter. Ha! – –
Nun seh ich auf der großen Trümmer
Stolze Priester sitzen:
Schrecklich ist des Opfermeßers Schimmer,
Furchtbar nicken ihre Mützen,
Grausam wütet ihr Wahrsagerstab:
Denn ganz Rom ist seiner Größe Grab,
Ist ein Nest der Ottern und der Eulen,
Zerstört von teutschen Keulen,
Verheert von teutschen Schwertern. Ha!
Denn du verlachst, o Rath der Götter,
Den sterblichen Stolz aus deinen Höhn.
Er saust dahin, wie Wirbelwinde
Den Staub aufblasen, und vergehn.

Ende

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