11.08.2017

Gesang-Drittes Lied (3)



Drittes Lied

Siegsicher trozt der jagende Bär
Vor einer Wölfin Höle daher.
Wild springt hervor ihr kühnster Sohn;
Voll Hunger blöckt sein Rachen schon:
Doch wagt ers nicht, und hält den Lauf
Des Stärkern nicht verwegen auf.
Ihr aber, Römer, lebenssatt,
Der reifen Frucht des Sieges satt,
Wagt euch in unsre Wälder her
Als ob hier ein Karthago wär;
Auch unser Führer gleich am Fall
Dem großgewesnen Hannibal? –
Ha, was durchstört ihr Berg und Hain?
Juwelen nicht noch Elfenbein,
Nicht Silber oder Gold ist hier:
Nur Eisen, Varus, haben wir!
Wie? Lockte dich der Tod soweit? –
Vielleicht daß unsre Biederheit
Dein Herz mit Sehnsucht eingenommen,
Solch edle Knechte zu bekommen? –
Das ists! bey Gott! Drum drangst du ein,
Gleich einer Seuche drangst du ein;
Im ganzen Lande schleicht dein Gift,
So wie die Pest mit gleichen Pfeilen
Den Weisen und den Thoren trifft.
O tief bis in das Grab verflucht
Sei, Räuber, eure Ränkesucht!
Doch eh ihr unsern Grimm bezähmt,
Uns wie gefangne Bäre lähmt,
Soll Brust und Herz euch beben!
Hier ist die Freiheit; kommt und nehmt:
Erst aber nehmt das Leben!
Denn sterben, lieber wollen wir
Der Erst' und Lezte sterben;
Dann möget diese Wüsten ihr,
Ihr mit dem offnen Rachen, erben! –
Horch! – Welch ein weicher Saitenklang
Wagt sich an meinen Rachegesang?
Sieh doch, Mana-Thuiskons Kind,
Sieh doch wie wir glücklich sind.
Sieh den Ruhm in unserm Sold,
Sieh das allmachtsvolle Gold,
Schmuck, Bequemlichkeit und Kunst;
Sieh an uns der Götter Gunst.
Willst du nicht bey Scherz und Wein
Gleich den Römern glücklich seyn?
So sang mit ihrer Zauberstimme
Rom, die Zauberin.
Verderblich riß des Liedes Anmuth
So manches beßre Herz dahin.
Es wähnte sich zum Glück erlesen,
Es opferte sich selbst zum Dank.
O wär doch auf den Zaubergesang
Ein Schwertschlag Wiederhall gewesen!
Nun aber bauen sie umher.
Schon mehrt sich nach und nach ihr Heer;
Schon schwillt der kleine Gißbach auf
Von der Gebürge Schnee:
Es steigt und steigt der Fluthen Lauf
Gefährlich an die Hütten auf
Und macht das Feld zur See.
Verschlungen ist des Feldes Frucht;
Verschlungen Gnügsamkeit und Zucht;
Die Tugend und die Freiheit fliehn
Auf fluthumströmte Felsen hin,
Und schauen ängstlich weit umher
Ob da kein Retter weiter wär?
Drey Adler, stolz, und feist von Beute,
Schweben über der Wellen Wuth:
Und sind sie schon der Vögel Fürsten;
So eßen sie doch Raub, und dürsten
Nach des Zerrißnen Blut.
O nehmts zu Herzen und zu Ohren
Wie dieser Fremdling hier stolziert;
Bald uns, von freyen Müttern geboren,
Als Jünglinge verderbt,
Als Männer feßeln wird!
Nicht Billigkeit, nicht Weihgefecht,
Ein feiler Prätor spricht das Recht,
Als wären wir, für Rom allein geboren,
Kaum beßer als ein Knecht.
O wehe dir, verführte Jugend!
Der unerfahrne Jüngling weiß
Itzt andre Freuden noch als Tugend,
Und wird für Pracht und Wollust heiß;
Der Väter Ernst ist ihm ein Scherz,
Sein Arm entnervt, und welk sein Herz.
O Rom, gieb uns die Kinder wieder,
Die du geraubet hast!
O meine Kinder, kehrt doch wieder:
Uns jammert euer fast!
Freund Godschalk, Mann nach meinem Herzen,
Sowahr dich Tohr erhört,
O komm zurück zu meinem Herzen!
Ist Rom wohl deiner werth? –
Umsonst! Weh mir! Entflohen
Ist er und hört mich nicht;
Er achtet nicht der Freundschaft Drohen,
Die Noth des Vaterlandes nicht.
Weint, weint um ihn im frühen Thaue
Ihr Eichen, weint um ihn!
Verdorre, verwelke, Hain und Aue,
Wo ich, ach wo ich ihn
So brünstig an den Busen schloß!
Gewiß, er war für solche Sitten,
Für solchen Tand zu groß!
Er aber flieht! – So flieh' er hin
Nach einem träumrischen Gewinn;
Verlaße Vaterland und Freund,
Ob jenes ruft und dieser weint;
Er schmiege nach dem Herren sich,
Und sey ihm – ah! –
Nur lächerlich!
Nun, Thuisko! unsers Ursprungs Gott!
Dein Enkel wird des Fremdlings Spott?
Wir füttern Wölf' in unsern Horden?
So wird das Schwert nie wieder blos?
Wie? oder ist des Lasters Loos
Unsterblichkeit geworden? –
Unsterblich nicht; nein, trauet mir:
Sie sind des Todes so wie wir.
Von frühem Römerblute naß,
Bürgt euch Rhingulph der Barde das!
Ich würgte den Tribunus, ha!
Der sich den Tod an meiner Irmgard sah.
Verbrecherischer Feuerfunken
War in sein lodernd Herz gesunken.
Ich fand, wie er mit Blicken
Des Hungers sie verschlang;
Ich staunte welch Entzücken
Sein Aug' aus ihrem Anschaun trank.
Bald furcht' ich sein Bestreben,
Sein Tändeln, seinen Witz:
Und schnell durchfuhr mich auch ein Jammer, wie durchs Leben
Der Blitz.
Da fühlt' ich Flammen nagen
Am Herzen, Flammen im Gesicht;
Da hätt' ich ihn erschlagen,
Floh mich der Weichling nicht!
Ich lief in die Dicke des Haines,
Ich stürmt' ins Rosengesträuch;
Ich hieb vor Wuth die Blüten
Herunter und warf sie in Teich.
O manche sinnlose Stunde
Lag ich mit blankem Schwerte da: –
Itzt klatschten die Wellen; da wacht' ich,
Da lauscht' ich durch die Sträucher;
Und – Götter! – Irmgard ist da!
Schon warf sie hin ans Ufer
Ihr züchtiges Gewand:
Sie sank itzt ins Gewäßer;
Doch waren Pfeil und Bogen
In der Badenden Hand.
Stracks war des Unsinns Nebel
Verdampft, verraucht war meine Wuth:
Ich dachte nur, die Federweiße
In spiegelheller Fluth;
Und wollte meiner Lieben mich entdecken,
Und schlich sanft durchs Gesträuch, und nun – –
O daß ihn Tohr zermalme! –
Da schlich auch der Tribun.
Schnell fuhr der Grimm mir ins Herz,
Mich flügelten Rach' und Schmerz;
Kaum sah ich daß Irmgard am Bogen
Den Pfeil schon aufgezogen;
Ich flog dem Pfeile zuvor:
Der Hieb pfiff durch die Luft; der Schädel
Des Frevlers nahm ihn ein;
Da überströmte mich der Brunnen
Des Blutes, und die rothen Fluthen
Rieselten in Teich hinein. –
Nun aber, nun mit Ernst und Eil',
Auf auf, und tilget all den Greul!
Auf Männer, auf, und brüderlich
Rächt Euch, die Tugend, Irmgard, mich!
Wo nicht; so möge schnell
Noch in der Freiheit Armen
Mein Geist von dannen ziehn,
Die jeden Fittich schon entfaltet
Euch Trägen zu entfliehn!
Dann will ich Tohr und Mana grüßen,
Siegmar an deiner Statt,
Und alle Götter sollens wißen,
Was Thuisko nun für Enkel hat! – –
Doch horch! Was tobt hier? – O Triumph!
Ist das nicht Kriegeston? –
Was seh ich? Sieg euch, Ruhm und Heil!
Denn ihr erwachet und mit Eil
Zieht ihr zur Rache schon!
Zwar seyd ihr noch ein kleines Heer:
Doch Herman geht vor euch daher;
Und schon ist Blut aufs Feld gefallen
In Wehr und Gegenwehr,
So wie, bey schwüler Hitze Dauer
Zulezt, gebrochne Regenschauer
Vor dem Gewitter her.
In dem Schauer klang ein Römerbogen.
Ach wohin ist der unselge Pfeil,
Ach in weßen Brust ist er geflogen?
Siegmar, Siegmar geht zur Heldenruh!
Drück ihm, Sohn, drück ihm die Augen zu!
Über uns ist er geflohn,
Heimwärts schwebt der Gott nun schon,
Blicket segnend noch herunter,
Weiht uns seinen Sohn!
Die Götter sahn aus ihrem Saal
Ihn auf dem hellen Abendstrahl
Mit eignen Kräften durch
Des Himmels Stürme dringen,
Um sich zu ihnen aufzuschwingen.
Da schaute Mana, schritt hervor:
»Noch sind sie meiner werth; o Tohr,
O Thuisko, rettet meine Kinder!«
Da lächelte der Götter Chor,
Und sprach, seyd Überwinder.
Da donnerte der Donnerer Tohr.
O nun zusammen ihr Brüder, zusammen,
Wie auf dem Opferheerd
Die Wuth gemehrter Flammen
Im Nu die Gabe verzehrt!
Verwandl' in Rache deine Trauer;
Auf, Herman, mit des Feldherrn Macht!
Siehst du? Der angenehme Schauer
Des feisten Schlummers, und die Nacht
Liegt fest auf unsrer Feinde Heer.
Schwüle Gewitter schleichen umher;
Und Tohros heisre Stimme ruft,
Und Manas Schwert blinkt in der Luft;
Hertha hat schon das Feld geweiht:
Das, das, Veleda, ist die Zeit!
Auf! Laßt uns eilen,
Laßt Schlachtgesang uns singen!
Dann laßt uns eilen
Den Weg des Sieges,
Daß uns die Köcher auf den Schultern klingen
Willkommen in Gewitterpracht,
Willkommen uns, gewünschte Nacht!
Der ferne Blitz gnügt unsrer Bahn:
Drum halt des Mondes Aufgang an.
Verbirg in Wolkenduft sein Licht:
Denn unser Jüngling wandelt nicht
Dem neuverlobten Mädgen zu,
Um sie zu sehn in ihrer Ruh.
Die Freiheit ist itzt seine Braut:
Des kriegerischen Wolfes Haut
Blöckt übern Angesicht voll Zorn,
Die Klauen drohn am Herzen vorn.
Denn wie der Wolf das feige Thier,
Also zerreißen wollen wir!
Hinweg mit diesen Römern! Weg
Mit Großmuth, und mit Schonung weg!
Wir sind der Freiheitsrache Heer!
Die Mordlist schleicht vor uns daher,
Und spähet still ob ihr gelingt
Daß sie zu Varus Herzen dringt.
Gespenster zeichnen ihr die Bahn:
Es geißelt an die Zellter an,
Es heulen Eulen durch die Luft
Und Varus wird dreimal geruft.
Merkt auf! schon dringt der Führer vor
Den uns die Freiheit selbst erkor.
Sie nannte Herman, und gebot:
Da kam Er, und sein Knecht, der Tod.
Ihm nach mit Schlachtgewehr und Muth
Für Freiheit, Ehre, Haab und Gut.
Allmächtige Götter, steht uns bey!
Ihr Götter selber seyd ja frey!
Seht da, die Wolken dämmern grau;
Schon näßt der frische Morgenthau;
Bald ist die Sonn' auf ihrer Bahn:
Hinan! Was zaudern wir? Hinan!

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