11.08.2017

Rhingulphs Gesang-Zweites Lied (2)



Zweites Lied

Der entstellt die Rose nicht,
Wer sie mit der bleichern Blume
Zu einem Kranze flicht.
Krieg ist mein Sang, und jauchzt nach Ruhme:
Doch schändet's Bardenlieder nicht,
Wenn sie sich kühn darnieder schwingen,
Von deutscher Zucht und Sitte singen;
Und welcher Sinn des Siegers war.
Lerne Nachwelt, daß in Blöße
Reichthum, und in Unschuld Größe,
Tapferkeit bey Tugend war.

Von eignen lieben Söhnen groß,
Von eigner Tugend warm,
Lag unser Mutterland im Schoos
Des Glücks, der Ruh im Arm:
Indeß schlaflose Tapferkeit
Um unsre Freiheit wacht,
Indeß der Ruhm die frohbedeckten Hütten
Ehrwürdig macht,
In welchen, schon seit Thuiskons Zeit,
Die götteralte Redlichkeit
Und Gnüge, die sich selbst belohnet,
In schwesterlicher Eintracht wohnet.

Rom staunt: denn schön und groß,
Frisch wie der Eichenbaum,
Wächst Teutschlands Jugend auf.

Der Knabe wandelt kaum,
So stärkt ihn Kampf und Lauf;
Dann, zwischen spielenden Lanzen,
Lernt er den Waffentanz
Schlank wie die Schlange tanzen:
Und er bekömmt den Kranz.
Am Tische seiner ältern Brüder
Sitzt er nun stolz im Rath,
Und horcht auf Bardenlieder
Voll von der Väter That;
Und, Sieg an Sieg, lernt er sie bald;
Dann pocht sein Herz ihm mit Gewalt,
Dann weckt ihn oft ein Traum vom Streit;
Er sucht des Bildes Ähnlichkeit,
Und eilt, sobald der Hahn den Morgen angesagt,
Hinaus zur kriegerischen Jagd. –

Er kömmt: seht, wie die Bären ihn,
Seht wie die Wölfe heulend fliehn!
Habt ihr des Bäres Stärke,
Habt ihr des Wolfes Muth,
Tyrannen, die ihr dürstet
Nach freyer Völker Blut?
Ihr habt sie nicht! o rettet euch:
Denn seine Jagd ist hinter euch! 

Ermüdet sinkt er dann
Am Felsenbache nieder,
Und ruht bey seiner Beut' im Gras;
Er singet mit der Lerche Lieder,
Und ruft der zaudernden Sonne zu,
Ob sie in träger Ruh
Des Morgenrothes vergaß?

Auf einmal tritt mit Siegerpracht
Die Sonn' empor, und vorger Nacht
Lezte graue Nebel fliehen;
Er fühlt der sanften Wärme Macht,
Er sieht im Thau die Wiesen blühen,
Er athmet frische Frühlingsluft
Durchbalsamt durch der Blüten Duft.
Da strahlet Freud' aus seinen Blicken!
Da ist Andacht, da ist Entzücken!
Da feyert er den Vater der Natur!
Er ist Druid' und Altar ist die Fluhr.

Still! – ihn stört aus frommer Phantasey
Ein Rauschen neben ihm vorbey.
Die Schritte seiner Jungfraun eilen
Daher; sie ging, als es getagt,
Mit ihrem Bogen, ihren Pfeilen,
Gleich einer Göttin auf die Jagd.
All ihres Reizes Knospen sind entfaltet,
Die edle Stirne krönt mit goldnen Locken sich,
Und über ihren Herzen spaltet
Ein reifer Busen sich:
So steht sie vor ihm da,
Mit röthlichem Gesicht,
Und heimlicht ihr Ergötzen nicht.
»Ach«, sagt sie endlich; »dort an jener Höhe
Beschlich ich die entschlafnen Rehe;
Ich ging, es hatte kaum getagt:
Doch sieh, ich habe nichts gejagt.« –

Treuherzig fodert sie, ein Theil von seiner Beute:
Er, bietet Beut' und Herz und Hand.
Da sinkt sie hin an seine Seite:
Und Freya knüpft ihr Band.

O segne Mana dich mit Frieden,
Mit Ehre Thuisko dich!
O pflege Hertha deine Felder
Und speis' und tränke dich!
Werd' alt und grau, an Kindern reich,
Dem Vater und der Mutter gleich!

So leben sie ein selig Leben.
Der Wald, das Feld, die Quelle geben
Genug für morgen und für heut.
Ihr Götter, kontet ihr dem Leben
Des Sterblichen mehr Fülle geben,
Als die Genügsamkeit? –
Drum magst du noch so stolz
Von schwererstiegnen Höhen,
O Rom, hohnlächelnd niedersehen
Auf unsre Hütten her:
Hast du viel Glück? Wir haben mehr!

Ich habe dich gesehn, du Stadt,
Die Könige zu Knechten hat:
Es rief dein lauter Ruhm, auch mich
Mit Hermans Bruder Gilberich,
Den Ort zu sehn, wo vorger Zeit
Dir Herman seinen Arm geweiht.

Ich kam und sah: auf sieben Höh'n
Stieg ich und blieb verwundernd stehn.
Ich sah hinunter: weit und breit
War alles groß, war Herrlichkeit.
Ich dacht' an meine Hütte zurück,
Schämte mich einen Augenblick,
Und eilte voll wallender Freude hin
Wie die Helden zu Thuisko ziehn.
Hier, dacht' ich, wird die Tugend wohnen,
Hier wird man Tapferkeit belohnen,
Da wird das Gastrecht heilig seyn,
Und Weisheit sich der Fülle freun. –
Doch wie ganz anders fand ich dich!
Ha, Falsche, wie betrogst du mich!
Ich fragt' im Thal und auf der Höhe:
Wo herrscht die Heiligkeit der Ehe?
Wo wohnet Liebe sonder List?
Wo Freundschaft ohne Falsch? Wo ist,
Auch ohne Lohn und ohne Schwert,
Das Recht gesichert, Tugend werth? –
Wohl aber sah ich unter Schwelgerfesten
Den Unterdrücker feist gedeihn,
Und in bewachten Goldpalästen
Den Feigen kühn bey tapfrem Wein:
Auch gaben feile Bardenchöre
Dem stolzen Imperator Ehre,
Daß er zu seinen Sklaven
Herab vom Himmel kam;
Daß er, der Sohn der Götter,
Daß er die Freiheit ihnen nahm!

Ha, fort! Hinaus aus dieser Stadt,
Wo selbst das Laster Barden hat!
Hinweg, hinweg von diesen Mauern
Wo Tugend, Unschuld, Redlichkeit
In Staub getreten trauern
Und weinen; wie man heimlich spricht:
Denn selber sah ich sie dort nicht.
Schnell floh dieß Otternest mein Fuß.
Mich jagten Jammer und Verdruß,
Daß Gilbrich mein Gefährt
Von dannen nicht mit mir geflohen:
Denn Troz den Bitten, Troz dem Drohen,
Blieb er, und hieß nun Flavius;
Und ward ein schimmernder Krieger
Um Sold und um Gewinn,
Und schwelgt in Üppigkeiten
Die knechtischen Tage dahin!
O streut dem Knaben Rosen!
O komm, ihm liebzukosen,
Du West, doch schone des jungfräulichen Gesichts! –
Und so zerdampf' er in sein Nichts!
Er fliehe seines Landes Sitte;
Er fliehe seines Vaters Hütte;
Doch ist er nicht der Rach' entflohn;
Ist Hermans Bruder nicht und ist nicht Siegmars Sohn;
Er ist nur Flavius. –

Wie selig aber fließt das Leben
Des freyen Enkels Teut,
Dem es großmüthig gnügt was gute Götter geben,
Ja den die Gnüg' erfreut!
Am Abend eilt der edle Mann,
Mit dem was ihm die Jagd gewann,
Zu seines Weibes Honigseim,
Zum Willkomm seiner Kinder heim.
Dann sammelt sich zu seinem Freudentische
Freund oder Nachbar, gleich an Ruhm
Ihm, wie an guten Herzen:
Da geht der vertrauliche Becher herum;
Die Eintracht würzt den Honigwein
Und mischet Ernst und Rathschlag drein.
Hier wars: bey solchem Freudentische
Ward jüngst in tiefverschwiegner Nacht,
Varus, dein Untergang erdacht.
So wie die selgen Götter sitzen
In ihrem Himmel, Thron an Thron,
Wenn sie Gedanken ihrer Größ' erhitzen,
Daß ihre himmlisch blauen Augen
Gleich ihren Siegesschwertern blitzen,
Sah ich Siegmarn, und seinen Sohn,
Und neben ihnen andre Rächer
Der Freiheit. Da ergriff im Zorn
Der Silberhaarigte den Becher:

So möge gleich dem Schirlingsaft
Mich dieser Becher tödten!
So mög' einst vor der Rechenschaft
Der Götter ich erröthen!
Wenn ich, o Vaterland, nicht noch
Mit Strömen Bluts dich räche;
Wenn ich dieß schändlich schwere Joch
Des Römers nicht zerbreche!

Er sprachs. Sein Auge funkelt
Rings um den Becherrand.
Er tranks. Ihm bebt vor Alter,
Noch mehr vor Zorn die Hand.
Dann füllte Herman seinen Becher,
Dem Vater nach;
Hob ihn vor seine stieren Blicke
Empor, und sprach:

So sey im Becher das Verderben!
So möge Herman namlos sterben,
Wenn ich nicht, Vater, deinen Harm,
Mit scharfem Schwerte räche!
Wenn ich nicht morsch den frechen Arm
Der Tiranney zerbreche!

Da reichten alle Gäste dir,
Greiß Siegmar, ihre Hände;
Und jeder rief: »Verderben mir!
Wenn ich nicht, Bruder Herman, dir
Mein Gut und Blut verpfände!«
Nun eilten wir rathsuchend
Zur göttlichen Velleda Thurm.
Die Nacht war tief, die Sterne bebten;
Denn in den Lüften flog der Sturm,
Und Sausen war im alten Haine
Wo niemals Axt noch Bogen klang.
Da fanden wir des Thurms
Zusammengebirgten Steine:
Da hub ich an, den Bardengesang.
Mein Lied drang in die mosigte Höle,
Wo sie, die Rune Velleda war:
Und wer der Höle nahet,
Den faßt der Schaur beim Haar.

Heil uns! Hier sahn wir sie; die Locken
Fliegend, im weißen Gewand;
Sie schwang die nakten Arme,
Fackel und Dolch in der Hand:
Sie flog im Zaubertanze
Rings um die heilge Lanze
(Mich schaudert noch!) und sang
Daß uns die Herzen bebten,
Und Felß und Wald erklang.

Krieg! (schwoll ihr Lied empor:) und Krieg!
Dort, die Hügel hinüber!
Nah an meinen Gränzen!
Ah, die Schwerter glänzen!
Freiheit, Ruhm, und Sieg!
Deß ist euch Velleda Bürge:
Löse, Herman, löse mich!
Schaffe daß ich Opfer würge:
Oder ich erwürge dich!

Bald stand sie in Gedanken tief,
Gab Siegmarn ihre Hand und rief:
»Segne Tohro, grüße Mannen,
Vater, denn sie riefen dich! –«
So sprach das weise Weib, und wich

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